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Freitag, 20. November 2009

Stasiopfer berichten - Teil 10 - Lutz Henske - Die Flucht und der Verlust der Familie


Lutz Henske wohnte früher in Leipzig. Er durchlief die staatlich verordneten Wege des Sozialismus, ging zur Schule und machte sein Abitur. Sein Vater war technischer Leiter der Schwertransportabteilung der Messe Leipzig und der Gartenbauausstellung in Leipzig. Der beschaulichen Kindheit und Jugend des Schülers wurde plötzlich ein Ende gesetzt, denn sein Vater wurde von seiner Sekretärin und seinem Fahrer der Spionage bezichtigt und zu sechs Jahren Zuchthaus verurteilt. Das Verfahren und auch das Urteil wurden laut Henske später für ungültig erklärt. Lutz Henske war damals 16 Jahre alt. Für die Familie sei die Verurteilung des Vaters eine materielle, psychische und physische Katastrophe gewesen, berichtet er. Der Jugendliche ging damals zum Gymnasium und hatte das Studium der Medizin als Ziel.

Durch die Verhaftung und Verurteilung seines Vaters wurde Lutz Henske zunächst das Studium verwehrt. Ein Nachbar, ein Dekan an der Leipziger Humboldt Universität, sorgte dafür, dass der junge Mann nach einer zweijährigen Bewährungsfrist zum Medizinstudium an der Leipziger Humboldt Universität, wenn auch unter Auflagen, zugelassen wurde. Er musste Reinigungsarbeiten in einem Labor übernehmen. "Während des Studiums habe ich aus Protest gegen das System Partys in unserem Wochenendhaus gefeiert, mit Westmusik, Lagerfeuer und Freunden", berichtet der Mediziner rückblickend. Er habe gewusst, dass auch Stasi-Angehörige unter den Gästen waren.

Henske war einer der wenigen Mediziner, deren Arbeit das Interesse der DDR-Industrie auf sich zog. Seine Doktorarbeit mit dem Titel "Die wissenschaftliche Anwendung von Medikamenten, im speziellen Placebos" konnte er damals an fünf Firmen verkaufen. Nach dem Studium trat er eine Stelle an der Kinderklinik in Borna an. Natürlich sei auch dies eine Schikane gewesen. Henske: "Denn wer wollte schon nach Borna?" Parteinahe Absolventen hätten in Leipzig ihre ersten Einstellungen erhalten und Lutz Henske machte am Wochenende den "Werksarzt" auf der Baustelle des Kohlekraftwerks "Thierbach".

Ein Bekannter, ein systemkritischer und bekannter Professor in Leipzig, suchte für seine Kinderchirurgie einen Assistenzarzt. Lutz Henske bewarb sich um diese Stelle, und der Leipziger Professor fand einen Weg, dass er den jungen Assistenzarzt wieder nach Leipzig holen konnte. Der junge Arzt konnte hier seine Facharztausbildung im Bereich der Kinderheilkunde beenden. Über das Gesundheitssystem in der DDR berichtet der Arzt im Gespräch mit dem GT: "Das Gesundheitssystem war staatlich gelenkt. An erster Stelle standen die Planzahlen und dann erst der Patient. Wenn man krank war, durfte es nichts mit der Umwelt zu tun haben." In der damaligen DDR habe man "Funktionärskinder" mit Medikamenten aus der "West-Medizin" behandelt, und die Normalbevölkerung habe sich mit den weniger wirksamen Mitteln aus der östlichen Pharmaindustrie begnügen müssen.

1977 heiratete Henske und das Ehepaar bekam einen Sohn. Der Vater des Mediziners reiste nach der Entlassung aus der Haft nach Westdeutschland aus.

1983 bot sich dann auch die Gelegenheit für Lutz Henske, seinen Vater zum 76. Geburtstag zu besuchen. Die Chance zur Flucht bestand und wurde genutzt. Lutz Henske habe damals gehofft, über die Familienzusammenführung auch seine Familie in den Westen holen zu können. Doch es sollte alles ganz anders kommen. Seine Frau hatte mittlerweile eine Beziehung zu einem befreundeten Gynäkologen begonnen. Dieser, laut Henske ein parteiloser Chefarzt und Informant der Stasi, zog kurz nach seiner Flucht bei seiner Frau ein.

"Ich hatte also in diesem Jahr meine Familie, meine Heimat, mein Vermögen, meinen Freundeskreis, einfach alles, verloren", resümiert er diese Zeit. Doch der Staat habe nicht locker gelassen. Straffreiheit, Amnestie und allerlei Annehmlichkeiten seien ihm angeboten worden, wenn er in die DDR zurück gekommen wäre. "Doch auf diesen Handel wollte ich mich nicht einlassen", so Henske. Er heiratete später seine heutige Ehefrau und blieb im Westen. "Es war einfach der Drang, aus dem System herauszukommen. Ich war zwar fleißig und bekannt, aber in meiner Akte stand wie in Stein gemeißelt ,Politischer Gegner`", fasst er zusammen.

In Rodenbach konnte er anschließend eine Kinderarztpraxis übernehmen und bereitete sich auf sein abschließendes "medizinisches Gespräch" vor einem ärztlichen Prüfungsgremium vor. Im Nachhinein habe sich die Praxis in Rodenbach als Glücksfall erwiesen. Er habe sich gut und schnell in die westliche Gesellschaft einleben können und auch die entsprechende Unterstützung in der Praxis gefunden.

Eine West-Regelung ermöglichte Besuche seines Sohnes. Der Junge flog im Alter von sieben und acht Jahren monatlich von Leipzig mit der Lufthansa nach Frankfurt, und Lutz Henske konnte ihn dann dort abholen. "Sonntagnachmittags habe ich ihn dann wieder zurückgebracht", erinnert er sich an diese Zeit. Seine erste Frau heiratete später den parteinahen Gynäkologen.

Von der Öffnung der Mauer hat Lutz Henske erst einen Tag später erfahren. Er erfuhr das Ereignis von seinen Angestellten. Er schloss seine Praxis an diesem Tag, "denn an normale Arbeit war an diesem Tag nicht mehr zu denken".

Später erhielt er Einsicht in seine Stasiakten. Hier erfuhr er, dass in der Familie und auch im Freundeskreis informative Mitarbeiter der Stasi auf ihn angesetzt waren, darunter auch sehr gute Freunde mit westlicher Einstellung. Zwei davon begangen laut Henske später Selbstmord. Auch nach seiner Flucht wurde er von der Stasi beobachtet, so der Mediziner.


Quelle: gelnhaeuser-tageblatt.de


Dienstag, 20. Oktober 2009

Stasiopfer berichten - Teil 9 - Familie Walther und die "Aktion Ungeziefer"


Im folgenden Text erzählt die Familie Walther ihr Schicksal in Zeiten der Zwangsumsiedlungen unter dem Decknamen "Ungeziefer" und "Kornblume".


Gesetzliche Grundlagen für Zwangsaussiedlungen aus dem Gebiet entlang der Zonengrenze waren die am 26. Mai 1952 durch den Ministerrat der DDR verabschiedete "Verordnung über Maßnahmen an der Demarkationslinie zwischen der DDR und den westlichen Besatzungszonen" und der Befehl 38/52 der Hauptverwaltung Deutsche Volkskpolizei. In der Verordnung wurde das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) beauftragt, "unverzüglich strenge Maßnahmen zu treffen für die Verstärkung der Bewachung der Demarkationslinie, um ein Eindringen von Diversanten, Spionen, Terroristen und Schädlingen zu verhindern.".


Während die Arbeiter der Maschinen-Traktoren-Stationen (MTS), die Bauern und Waldarbeiter gezwungenermaßen mit dem Pflügen und Roden eines zehn Meter breiten Streifens, dem Aufstellen von Schildern zur Markierung der 500-Meter-Schutzzone und der 5-Kilometer-Sperrzone begannen, wurden mit Hilfe der Spitzelunterlagen der Volkspolizei und des MfS die Listen der auszusiedelnden Personen erarbeitet.

Von allen diesen Veränderungen bekamen wir nur den sichtbaren Teil mit, nämlich die Befestigung der Zonengrenze. Wir wußten auch nicht, dass über jede Person, die in der 5-Kilometer-Zone wohnte, eine Karteikarte von der Volkspolizei geführt wurde. Waren wir wirklich so naiv oder wollten wir nichts davon hören und sehen, weil es schwer ist, mit dem Gedanken zu leben, dass alles, was gesagt, getan oder auch nur am Stammtisch erzählt wurde, festgehalten wird? Außerdem gab es im Frühjahr soviel Arbeit auf dem Bauernhof, dass wohl kaum jemand über politische Zustände nachdachte.

Die ungewohnte Betriebsamkeit, das Umackern der Felder und Wiesen direkt an der Grenze, die Hektik, welche die Volkspolizei erkennen ließ, machte uns allerdings schon unruhig. Aber immer noch dachte jeder, uns kann doch nichts passieren, haben wir doch niemanden erschossen oder sonst jemandem geschadet. Es wurde immer deutlicher, dass in den Zeitungen und im Radio ganz auffällig eine Hetze gegen die Bundesrepublik anlief. Dass das MfS und die VP unter Teilnahme der örtlichen Staatsorgane in Übereinstimmung mit oben genannter Weisung eine Säuberung von "feindlichen, kriminellen und verdächtigen Elementen" durchführte, bezogen wir aber keinesfalls auf uns. Zu der Zeit wussten wir noch nichts von der Zwangsaussiedlungen von Familien in Sachsen und in Mecklenburg, die schon Mitte bis Ende Mai stattfanden.

Der 5. Juni 1952, ein Wochentag nach Pfingsten, war für mich ein Tag wie jeder andere. Ich musste um 6.00 Uhr aufstehen, mich anziehen, dann in der Gaststube die Stühle auf die Tische stellen und den Fußboden fegen. Das war meine tägliche Aufgabe, bevor ich das Fahrrad heraus holte, um in die Kreisstadt ins Gymnasium zu fahren. An diesem 5 .Juni war aber alles ganz anders. Die Eltern kamen völlig verstört aus dem Stall in die Küche und sagten, heute brauchte ich nicht in die Schule zu fahren, wir müssten weg. Ich begriff gar nichts und sagte: "Was soll das heißen, wir müssen weg, wohin sollen wir, und warum denn?" Die Eltern zuckten nur mit den Schultern und berichteten, dass heute um fünf Uhr in der Früh ein Polizist da war, der die Ausweise mitnahm, und ihnen ein Schriftstück vorlas, nach dem wir innerhalb vierundzwanzig Stunden das Dorf zu verlassen hätten. Weder ich noch meine Eltern begriffen die Tragweite des Schreibens. Das konnte doch nur ein Irrtum sein. Erstmal müssten die Kühe gemolken und gefüttert und die Schweine und Hühner versorgt werden, dann würde sich hoffentlich diese komische Sache aufgeklärt haben. Wir hatten doch nichts verbrochen und außerdem muß in einer Demokratie ein Gericht beurteilen, ob jemand eingesperrt oder anderweitig bestraft werden soll. Wir lebten doch in einer Deutschen Demokratischen Republik, in der es keine willkürlichen Strafen gibt, also konnte nur ein Missverständnis vorliegen. So waren unsere Überlegungen und ich fuhr also nicht in die Schule, sondern begab mich auf die Dorfstraße, wo helle Aufregung herrschte.

Aus jedem Anwesen kamen die Männer heraus und sagten, das ganze Dorf müsse geräumt werden, es würde sicher Krieg geben. Die SED-Presse hatte schon immer prophezeit, dass die Amerikaner bereit stehen, um die Grenze mit Panzern zu überfahren und die kleine Deutsche Demokratische Republik dem großen Westdeutschland einzuverleiben. Schon über Wochen standen solche Vermutungen und Befürchtungen in der Tageszeitung, wo diese reißerische Kriegspropaganda immer wieder auf der ersten Seite präsentiert wurde und zwar so oft, dass keiner es mehr ernst nahm.

Inzwischen kamen im Laufe des Vormittags Polizisten in großer Zahl ins Dorf und gaben den betroffenen Familien Anweisung, persönliche Sachen einzupacken, denn es kämen Lastwagen, die uns und unsere Möbel nach der nächsten Bahnstation, nach Sonneberg fahren werden. Um das Vieh sollten wir uns nicht kümmern, es werde alles geregelt. Fassungslos standen die Eltern herum und erfuhren erst im Laufe des Tages, dass nicht alle Häuser geräumt werden sollten, sondern nur ausgesuchte Familien abtransportiert würden.
Unsere Nachbarn, es waren auch unsere Verwandten, gehörten ebenfalls zu diesen ausgesuchten Familien, ebenso wie unsere Nachbarn zur anderen Hofseite. Die Männer, die die Entscheidungen in den Familien trafen, waren sich einig, dass diese ganze Aktion mit der Grenze zu tun hat und nur eine vorübergehende Sache sein könnte. Sie wollten erst einmal der Anordnung der Regierung nachkommen, denn es würde sich herausstellen, dass keiner etwas verbrochen hat, das eine schwerwiegende Strafe rechtfertigt. Außerdem gäbe es ja auch noch Gerichte und man würde sich zu wehren wissen.

Sicher nicht nur bei uns wurde an diesem Tag nichts gekocht, auch nichts gegessen. Wir waren unfähig, dieses Ereignis zu begreifen, geschweige es richtig einzuordnen. Den Hof und das Haus verlassen, das war nur im Todesfall denkbar. Bauern sind traditionsbewusst, handeln immer im Sinne von Vorfahren und bedenken das Leben der Nachkommen. Mein sonst so tatkräftiger Vater ging mit hängenden Armen durch alle Zimmer des Hauses, in den Stall, in die Scheunen, in den Garten, ohne etwas zu tun oder zu sprechen. Die Mutter stand mit Nachbarinnen wieder in der Küche. Sie machten sich Gedanken, was nun werden wird, ob wir etwa nach Sibirien oder nur an die polnische Grenze als Landarbeiter kämen. Schlagartig kam uns die Prophezeiung der Frau Janik aus Estland in den Sinn. Sollte sie damit recht haben, dass man unter dem sowjetischen System nicht leben kann. Die Frauen waren es auch, die erwogen, nachts nach Neustadt, also nach Bayern zu flüchten. Noch hatten wir nichts eingepackt, es war Sommer, vielleicht brauchte man aber auch keine Winterkleidung, meinten wir doch, dass wir sicher wieder zu Hause sind, bis die kalte Jahreszeit da ist. Ratlos standen wir herum, ich nahm auf jeden Fall meine Schultasche an mich. Noch immer war im Dorf eine Stimmung wie vor Ankunft der Amerikaner zum Kriegsende 1945. Es gab zahlreiche Überlegungen, was wohl werden wird, ob die restlichen Familien am nächsten Tag auch weg müssen oder in einem Monat. "Wenn ein Krieg vor der Tür steht, habt ihr es besser, ihr seid weg, aber wir hier unmittelbar hinter der Grenze werden vielleicht in Kämpfe verwickelt werden." So schwappten Befürchtungen und Ahnungen hin und her.

Dann kam gegen Abend Vaters Cousine Edelgard zu uns und fing an, Bettzeug, Federbetten und Decken in Säcke zu stopfen. Wir sahen zu, als ob es uns nichts anging. Sie war eine energische junge Frau und fragte, ob wir etwa auf kaltem Fußboden schlafen wollten. Es sei egal, wo wir hingebracht würden: Betten zu haben sei das Wichtigste. Sie brachte auch Körbe von zu Hause mit, in denen stapelte sie Töpfe und Geschirr und verpackte alles mit Handtüchern. Mir drückte sie einen Leinensack in die Hand und befahl mir, meine Unterwäsche, meine Kleider und Schuhe darin unterzubringen. Ich tat es und packte auch für meine Schwester einen Sack voll. Für meine Mutter und meinen Vater übernahm Edelgard das Einpacken. Meine Mutter suchte Bilder, mein Vater saß mit hängendem Kopf auf dem Brunnentrog im Hof und weinte. Das hat mich am meisten erschüttert! Habe ich doch meinen Vater in sehr unterschiedlichen Situationen erlebt. Ein Mann, der den Krieg mitgemacht hatte, der voller Ideen war für die Zukunft, saß da und weinte! Er war 45 Jahre alt und war doch voller Pläne. Aber so ein Ereignis war von niemandem im ganzen Dorf vorhergesehen worden.

Heute wissen wir, dass es in jedem Dorf im Grenzgebiet Personen gab, die die Familien auswählten, die also bestimmten, welche Familien zwangsausgesiedelt werden sollten. Jetzt weiß ich, dass diese Aktion unter dem Decknamen "Ungeziefer" lief und die Menschen an der Zonengrenze einschüchtern und für die weiter Umgestaltung der Landwirtschaft im Sinne der SED gefügig machen sollte. Die Auswahl der zwangsauszusiedelnden Personen oblag in erste Linie der Volkspolizei, denn die führte über jede Person Unterlagen, in denen Äußerungen oder Meinungen von jedem festgehalten wurden. Hinzugezogen wurden die örtlichen Organisationen, wie Parteigruppe, Gewerkschaftskader, inoffizielle Mitarbeiter des MfS und der Bürgermeister.

In unserem Dorf hatten elf Familien diesen Befehl der Regierung erhalten, darunter die zwei Gastwirte, also unsere Familie und die Familie Knauer. Am 6. Juni 1952 wurden 29 Personen in Lastwagen nach Sonneberg zum Abtransport gebracht. Dies hört sich sehr sachlich an, war aber für alle eine schlimme Situation, ein totaler Einschnitt in ihrem Leben und eine Lebenswende nicht zum Besseren. Es war ein Lebensbruch, nach dem sich jeder neu orientieren mußte.- Dies haben wir zu dieser Zeit natürlich noch nicht erfasst. Die unmittelbaren Ereignisse ließen uns nicht so weit denken.

Wie wir die letzte Nacht in unserem Haus verbracht haben, kann ich mich nicht mehr erinnern. Nachdem meine Eltern das letzte Mal im Stall waren, um die Tiere zu versorgen, gingen sie auf die Straße und gaben den Volkspolizisten, die immer anwesend waren, alle Schlüssel. Wir betraten das Haus nicht mehr und schlossen es auch nicht ab.


Am Morgen des 6. Juni stand ein LKW vor unserem Haus und wir erhielten den Befehl, Möbel und persönliche Sachen aufzuladen und dann selbst auf die Ladefläche des LKW zusteigen, um abtransportiert zu werden. Immer noch wußte niemand, wohin wir gebracht werden. Gerüchte und Vermutungen jagten uns Angst ein. Ist es vielleicht Buchenwald oder etwa ein anderes Internierungslager jenseits der Oder/Neiße Grenze? Wieder konnten wir keine Hand rühren, wir standen davor und Nachbarn luden unsere Möbel auf. Wieder war es Edelgard, die bestimmte, was mitgenommen werden soll, was eine Familie ungedingt brauchte.

Verwandte und Nachbarn standen um uns herum, die blanke Angst in den Augen, daran denkend, wie es weitergehen sollte, ob sie auch abgeholt würden. Als wir auf den LKW aufgestiegen und zwischen vier Bettgestellen, einem Tisch und vier Stühlen, einem Kleiderschrank, der Nähmaschine und dem Küchenschrank einen Platz zum Sitzen gesucht hatten, weinten alle Leute auf der Straße und wir auch. Nachdem sich der LKW in Bewegung gesetzt hatte, winkte niemand. Alle verzogen sich in ihre Häuser und machten die Tür fest hinter sich zu.

Von jedem Ort, der innerhalb der 5-Kilometer-Zone lag, fuhren an diesem Tag die LKWs zur Bahnstation, beladen mit Möbeln und verstörten Menschen. Die Dörfer, die wir durchfuhren, waren wie ausgestorben. Niemand war auf der Straße, auf dem Hof oder am Fenster zu sehen. Alles wirkte unbewohnt. Nicht nur wir auf den LKWs hatten große Angst, wohin es gehen wird, auch die Zurückgebliebenen wollten sich das Bild des Abtransports nicht im Gedächtnis einprägen. Sie wollten nichts sehen und hören. Der Mensch kann auch nur ein bestimmtes Maß an Unglück ertragen, wird es überstiegen, setzt eine Verdrängung des Geschehenen und Gehörten ein. Man will und kann nicht mehr hinsehen. So war es auch an diesem schönen Sommertag des 6. Juni 1952.

Unser Abtransport ins Ungewisse setzte am späten Nachmittag ein. Den Güterwaggon teilten wir mit unseren Verwandten und Nachbarn gleichen Familiennamens. Der Zug hielt oft, aber immer in unbewohnten Gegenden, so dass wir nicht wussten, wo wir uns befanden. Nachts um 2:30 Uhr hielt der Güterzug, die Türen wurden geöffnet und wir stiegen aus. Wir befanden uns auf dem Güterbahnhof in Göschwitz, also noch in Thüringen. Alle atmeten auf; Gott sei dank war es nicht an der polnischen Grenze zu Russland. Noch wusste keiner, ob es für uns Endstation oder nur ein Zwischenaufenthalt war. Polizisten luden die Waggons aus. Wieder standen unsere wenigen Möbel auf einem Bahnhof. Nun kamen LKWs, Polizisten verfrachteten jede Familie mit ihren Möbeln und dann ging es in die Nacht hinaus. Wir fuhren zwischen 2 und 3 Uhr morgens bei völliger Dunkelheit in ein Dorf, der LKW hielt vor der Kirche. Fenster in Wohnhäusern öffneten sich, verschlafene Frauen schauten heraus und sahen mitten in der Nacht einen Lastkraftwagen in ihrem Dorf halten, der mit Möbeln und mit einer Familie beladen war. Der Fahrer erkundigte sich nach dem Weg zu der Adresse, die er anzufahren hatte: "Behelfsheim 24".

Eine der Frauen bot uns an, dass das Kind, sie meinte meine Schwester, in ihrem Haus die Nacht abwarten könne. Meine neunjährige Schwester wollte nicht alleine weg von den Eltern. Sie hatte Angst. Der Fahrer fand schließlich nach langem Suchen in der Nacht den Weg zum "Behelfsheim". Es war eine Barackensiedlung, die sich außerhalb des Ortes Lobeda an einem Berghang befand. Ehemals waren es Unterkünfte für Kriegsgefangene, die in Deutschland in Fabriken arbeiten mussten. Zu diesem Barackenlager führte nur ein leidlich befestigter Feldweg, den der LKW mit Mühe befahren konnte. An einer Baracke, in einer Reihe gleich ausssehender Unterkünfte war Endstation. Noch war es dunkel. Auf Geheiß des Fahrers stiegen wir aus. Ungläubig sahen wir unser künftiges Zuhause an, es sah eher wie ein Schuppen aus. Trotzdem begannen wir, unsere Möbel in das Gebäude zu tragen. Licht war vorhanden. Zwei Räume mit je einem Fenster, einem Herd, aber ohne Wasseranschluß - das war nun unsere Wohnung. Diese unzumutbaren Verhältnisse machten meinen Eltern eigentlich Hoffnung. Sie dachten, dass in so einer Baracke keine Familie den Winter aushalten kann, also würde es nur eine vorübergehende Unterkunft sein.

Als erstes wurden in der Nacht noch die vier Betten aufgebaut, wurde das Bettzeug aus den Säcken genommen und meine übernächtigte Schwester schlafen gelegt. Als es Tag wurde, sahen wir die ganze Barackensiedlung und waren erstaunt, dass sie von Heimatvertriebenen aus den Gebieten jenseits der Oder/Neiße oder dem Sudetenland bewohnt war. Diese Familien, die doch eigentlich nur vorübergehend in den Baracken untergebracht waren, lebten bereits mehrere Jahre dort. Sie hatten sich die Unterkunft winterfest gemacht und hofften immer noch auf eine bessere Bleibe, denn Wohnungen konnte man diese Baracken nicht nennen. Dort stellten wir nun unsere wenigen mitgebrachten Möbel auf und richteten die zwei kleinen Räume einigermaßen "wohnlich" ein. Das schönste an dieser Barackensiedlung war die Lage. Wir schauten weit in das Saaletal, im Rücken war ein Kalkberg, bewachsen mit Trockenrasen und einzelnen Büschen und Pflanzen.
Meine Eltern hatten keine Vorstellung, wie es nun weiter gehen sollte. Als erstes versuchte meine Mutter, den eisernen Ofen anzuzünden, aber womit? Wir hatten weder Kohle noch Holz, doch vier Personen wollten essen und trinken. Eine zentrale Wasserstelle fanden wir am Ende des provisorischen Weges. Wir hatten aber nicht einmal Eimer mitgenommen. Edelgard hat sie vergessen. Die Nachbarn, Bewohner der anderen Baracken, waren sehr hilfreich, sie brachten uns zu essen und zu trinken. Zum ersten Mal in ihrem Leben waren meine Eltern gezwungen, einen Broterwerb außerhalb des Hauses zu suchen. Bargeld hatten sie wenig, da wir daheim nach der Währungsreform eine neue Gartenmauer zur Straße hin hatten bauen lassen, eine sehr schöne Mauer aus Steinacher Granit. Dadurch war das Konto nahezu aufgebraucht.

Von der Stadt Jena bekamen wir ein Übergangsgeld und die Lebensmittelkarten ausgehändigt.
Mein Vater erkundigte sich, ob jemand in der Nähe einen Fleischermeister einstellen würde. Es war aber in der DDR die Zeit der Enteignungen der kleinen Geschäftsleute und man war froh, im ehemals eigenen Geschäft als Meister angestellt zu werden. Als letztes blieb noch der Schlachthof in Jena. Unser Vater fing am 1. 7. 1952 im VEB Schlachthof an zu arbeiten, aber nicht als Meister, sondern als Hilfsarbeiter. Das war die weitere Demütigung, die er hinnehmen musste. Er tröstete sich mit dem Gedanken, dass es nur ein Provisorium sein konnte.

Quelle: http://www.familientagebuch.de/



Montag, 5. Oktober 2009

Ärzte im Dienst der Stasi - Psychatrie, Zersetzung und Terror


Seit die Archive geöffnet sind, entdecken die Ostdeutschen in den Horror-Akten der Staatssicherheit, was der SED-Staat ihnen wirklich angetan hat: Nun geraten nicht nur Ärzte als Stasi-Helfer in Verdacht....

Die Geschichten der Opfer:

Ulrich Kasparik:

Den ersten Kontakt mit der Psychiatrie hatte der Jenaer Jugendpfarrer Ulrich Kasparick, 34, ganz freiwillig: Im Herbst 1988 meldete sich der Theologe zur Gruppentherapie in der Uni-Klinik. Zusammen mit neun anderen Patienten redete sich der Geistliche seinen Frust von der Seele, verbreitete sich über die Probleme seiner Ehe und plauderte bereitwillig über seine politischen Ansichten. Die waren von denen des SED-Regimes weit entfernt: Der Seelsorger Kasparick setzte sich in Jena offen für "feindlich-negative Kräfte" (Stasi-Jargon) ein, für Wehrdienstverweigerer und Ausreisewillige. Die Redseligkeit des Pfarrers erfreute vor allem die Jenaer Stasi: Eine linientreue Genossin, Mitglied der Psychogruppe, gab Kasparicks Geständnisse eifrig weiter - an ihren Mann, der unter dem Decknamen "Klaus" dem Ministerium für Staatssicherheit (MfS) zuarbeitete.

Die Psychoplaudereien des Patienten Kasparick nutzte die Stasi, einen langgehegten Plan gegen den Pfarrer zu verwirklichen: Der Mann sollte vernichtet werden. Die "Erfüllung der Zielsetzung", heißt es in einem Vermerk des MfS, habe nach einem Neun-Punkte-Plan zu geschehen. Punkt eins: "Die öffentlichkeitswirksame Verbreitung" von Kasparicks Seelenleben. Letzter Punkt: Einweisung in die geschlossene Abteilung des Bezirkskrankenhauses für Psychiatrie und Neurologie in Stadtroda. Nur die Wende rettete den Geistlichen davor, Jahre in einer geschlossenen Anstalt zu verdämmern. Wie im SED-Staat die Vernichtung von Menschen organisiert war, wird erstmals deutlich, seit die Opfer, die Erich Mielkes teuflische Maschinerie halbwegs unversehrt überstanden haben, in den Stasi-Akten der Gauck-Behörde ihre Geschichte rekonstruieren können. Die Ex-DDR-Bürger stoßen auf Horror-Akten über ihr eigenes Leben.

Fälle staatlichen Mißbrauchs der Psychiatrie, wie sie Kasparick erleben mußte, werden nun reihenweise bekannt. Die Hintergründe seiner Mißhandlung durch stasihörige Ärzte, niedergelegt auf 2800 Seiten MfS-Unterlagen, schilderte in der vergangenen Woche der sächsische Innenminister und ehemalige Pfarrer Heinz Eggert, 45, im deutschen Fernsehen vor einem Millionenpublikum. Seine Berichte darüber, wie er sich unter offenbar willkürlich injizierten Psychodrogen "kaum noch bewegen" konnte, erschütterten die Zuschauer derart, daß die Telefone zur ARD"Brennpunkt"-Redaktion wegen Überlastung blockiert waren.

Die Akten der Opfer enthüllen: Es war alles noch viel schlimmer im real existierenden Sozialismus, als es bisher vorstellbar schien. Nicht nur kleine Dichter wie Sascha ("Arschloch") Anderson vom Prenzlauer Berg haben das Vertrauen ihrer Umgebung mißbraucht und sich als Spitzel, Schnüffler und Hilfspetzer des Regimes einfangen lassen. Nicht einmal den Ärzten konnten die SED-Untertanen trauen - und den Anwälten ebensowenig.

Das Papier wird lebendig. Erst seit die Opfer die Akten filzen, wird vorstellbar, was der DDR-Geheimdienst mit dem Wort "Zersetzung" meinte. Das Wort kommt in den Unterlagen immer wieder vor. Im Stasi-Deutsch ging es um die "Bearbeitung operativer Vorgänge", mit der die "schädigenden Folgen und Auswirkungen subversiver Tätigkeit weitestgehend zurückgedrängt bzw. unterbunden" werden sollten. "Das Ziel der Zersetzung", ließ Mielke festlegen, bestehe darin, "die feindlich-negativen Kräfte zu zersplittern, zu lähmen, zu desorganisieren und zu isolieren" (siehe Kasten Seite 30). Um das Ziel zu erreichen, verfügte das MfS über einen militärisch organisierten Apparat. Der umfaßte zuletzt rund 100 000 hauptamtliche Mitarbeiter. Ihnen zur Seite stand nach Einschätzung hoher MfS-Offiziere ein Millionenheer von IM - laut Mielke-"Richtlinie * Am 2. Januar beim Studium ihrer Akten ) (in der Gauck-Behörde. ) Nr. 1/79" die "Hauptwaffe im Kampf gegen den Feind". Die hauptamtlichen Täter sind fast vollständig namentlich bekannt, vielen der IM droht nun Enttarnung.

Mit Spähern und Spitzeln überzog die SED ihr Volk wie mit einem Netz. Das gewährleistete die nahezu totale Überwachung der Gesellschaft. Dabei schnüffelte die Stasi überall, vor allem durch "zielgerichtete konspirative Gewinnung von Informationen mit hoher Qualität und Aussagekraft zur Bekämpfung aller subversiven Angriffe des Feindes" (Mielke-Richtlinie). Eingesetzt und instruiert wurden hochrangige Spitzel direkt von der Zentrale in der Ost-Berliner Normannenstraße. Die 15 Bezirksverwaltungen und mehr als 200 Kreisdienststellen der Stasi hatten zudem ein eigenes Kundschafter-Netz aufgebaut. Zuträger waren ungezählte SED-Funktionäre ebenso wie Blockparteien-Vordere, Betriebs- und Landwirtschaftsleiter sowie Kaderchefs. Der Geheimdienst hatte überdies ungehinderten Zugang zu allen Datenträgern und Speichern. Für die "Zersetzung" ihrer Gegner war der Stasi nahezu jedes Mittel recht - bis hin zur physischen Vernichtung, wie der Fall des früheren Pastors Eggert zeigt.

Pastor Eggert

Seit 1974 amtierte der evangelische Pastor, ein gebürtiger Rostocker, in dem verlotterten Kurörtchen Oybin im Zittauer Gebirge an der Grenze zur Tschechoslowakei. Dort zog der streitbare Theologe sonntags als Kanzelredner über die SED-Regenten her.

Solche Brüder hatte die allgegenwärtige Stasi besonders gern. Jahrelang protokollierten ihre Spitzel die Predigten des Gottesmannes, belauschten sein Telefon und lasen die Post mit. Inoffizielle Mitarbeiter des DDR-Geheimdienstes ließen sich in Scharen seelsorgerisch beraten und versuchten so den Pastor auszuhorchen; selbst die Eggert-Kinder wurden von Stasi-Zuträgern unter Mitschülern gezielt beobachtet. Als Eggert zu allem Überfluß auch noch, im Nebenamt, Studentenpfarrer in Zittau wurde, begnügte sich das Mielke-Ministerium nicht länger nur mit Observation. Der Dresdner Stasi-Bezirkschef Horst Böhm ordnete 1982 an, "zielstrebig und wirksam mit operativen Maßnahmen die Phase des Zersetzungsprozesses" gegen den Pfarrer zu beginnen. Das Unglück nahm 1983 seinen Lauf beim Camping der sechsköpfigen Familie an der Ostsee. Die Stasi war auf den Urlaub bestens vorbereitet. Als die Eggerts am 20. Juli in Bansin bei Wolgast eintrafen, wurden sie schon erwartet. Per Geheimtelex hatte die Dresdner MfS-Bezirksverwaltung die Kollegen in Rostock um Amtshilfe gebeten. Die Bitte wurde gewissenhaft erfüllt. Eggert konnte auf dem Zeltplatz kaum einen Schritt ohne seine Bewacher tun. Die Spitzel kümmerten sich weisungsgemäß um "Fotodokumente vom Aufenthalt des E. am Fkk-Strand", "Feststellung von Kontaktpartnern" am Campingplatz sowie eine "Einschätzung des Verhaltens von E. und dessen Ehefrau während des Urlaubs".

Die ersten Folgen der Ferien zeigten sich auf der Heimfahrt nach Oybin. Eggert erkrankte an Fieber, krampfartigen Leibschmerzen und schmerzhaftem Stuhldrang. Tagelang entleerte sich blutig-schleimiger Durchfall. In den nächsten Wochen steckte der Pfarrer seine ganze Familie an. Was zunächst wie eine sommerliche Darmgrippe erschienen war, diagnostizierten Ärzte schließlich zu ihrer Überraschung als Ruhr. Ruhr ist eine vergleichsweise seltene Infektionskrankheit, die durch ein Dutzend unterschiedlicher Bakterien ausgelöst werden kann. Die Keime werden mit Wasser, Milch oder anderen Lebensmitteln aufgenommen, ohne daß der Patient dies schmeckt oder riecht.

Nur bei extrem unsauberen Hygieneverhältnissen verbreitet sich die Ruhr rasch; unter europäischen Lebensbedingungen haben die Erreger normalerweise keine Chance - es sei denn, sie werden vorsätzlich einem Nahrungsmittel beigemischt. Geschmacklose "Aufschwemmungen", sogenannte Bakterienkulturen, werden, vor allem zu diagnostischen Vergleichszwecken, von vielen Hygieneinstituten vorrätig gehalten. Einen Beweis, daß die Stasi ihm vorsätzlich Ruhrbakterien in die Nahrung mischte, hat Eggert beim Aktenstudium bislang nicht gefunden. Sicher ist nur, daß er nach einer Geburtstagsparty an der Ostsee als einziger unter den Campingfreunden erkrankte. Die Ruhr kam der Stasi jedenfalls gut zupaß.

Nach der Genesung vom gefährlichen Darmleiden ("Unsere kleine Tochter wäre daran fast gestorben") verfiel Eggert in tiefe Depression mit Selbstmordideen. Das kommt, besonders bei dynamischen Fightern wie Eggert, nach lebensbedrohlichen Krisen immer mal vor. Gewöhnlich erholen sich tatkräftige Persönlichkeiten von einer solchen "reaktiven Depression" innerhalb weniger Tage oder Wochen. Nicht so Eggert. Die Stasi leitete den Patienten geschickt zum Psychiater Reinhard Wolf, Leiter der Männerpsychiatrie am Krankenhaus in Großschweidnitz. Wolf, der Eggert von IM im Freundeskreis als "besonders vertrauenswürdiger Arzt" empfohlen worden war, wurde beim MfS unter dem Decknamen "Manfred" geführt. Stasi-Bewertung: "zuverlässig und ehrlich", "ist sehr auf Einhaltung der Konspiration bedacht".

Die Falle schnappte zu: Nach einem Beratungsgespräch im April 1984 durfte der Regimegegner die Klinik nicht mehr verlassen. Eggert wurde in eine Zwangsjacke geschnürt, auf die geschlossene Station verfrachtet und mit Psychodrogen vollgespritzt. Diese in der sowjetischen Breschnew-Ära üblich gewordene "Therapie für Dissidenten" führt dazu, daß Lebenswille und Beweglichkeit, aber auch Emotionen und Verstand maximal gedämpft werden. Mancher wird, wenigstens vorübergehend, durch die Therapie verrückt. In "wahnsinniger Todesangst", an Händen und Füßen ans Bett geschnallt, willigte Eggert schließlich in eine Behandlung ein. Unter Aufsicht eines Pflegers hatte er weiterhin jeden Tag ein "halbes Glas Tabletten" zu schlucken.

Wie sorgsam die Stasi den Klinikaufenthalt ihres Feindes geplant hatte, belegt eine Reihe von Aktenvermerken (Operativer Vorgang "Fürst"). Danach hat das MfS den behandelnden Ärzten einen minuziösen Fragenkatalog für die Therapiesitzungen an die Hand gegeben. Die Mielke-Truppe interessierte sich vor allem für "sexuelle Ambitionen", Eheprobleme und die "finanzielle Lage" des Geistlichen. Eggert: "Die wollten Dinge herausbekommen, mit denen ich später erpreßbar sein würde."

Die Tonbandprotokolle der vertraulichen Arztgespräche fand Eggert nun in seinen Stasi-Akten wieder. Auch Kopien der Krankenberichte hatte die Klinik-Leitung routinemäßig an die Spitzelbehörde geschickt. In den stundenlangen Therapiesitzungen suchte Nervenarzt Wolf damals seinem Patienten einzureden, daß die Schwermut nie wieder völlig verschwinden werde, Eggert also Invalide bleibe mit reduzierter Arbeitskraft. Das Amt als Studentenpfarrer müsse er, seiner geistigen Gesundheit zuliebe, unbedingt aufgeben. Auch Eggerts Frau und die sächsische Kirchenleitung wurden unterdessen darauf vorbereitet, daß der engagierte Pfarrer allenfalls "bis zu 50 Prozent belastbar" sein werde.

Sechs Wochen mußte Eggert die medizinische Umerziehung zum Sozialfall in Großschweidnitz erdulden, für die Zeit danach hatte die Stasi schon vorgesorgt: Ihm wurde aufgetragen, jeden Tag seine Ration Psychopharmaka zu schlucken und regelmäßig zur Kontrolle zu erscheinen. Nach seiner Entlassung tat Eggert, was andere Psychiatriepatienten auch gern tun: Er schmiß alle Tabletten, "einen ganzen Sack voll", in den Müll. So wurde er wieder der Alte, traktierte in seinem Bergkirchlein mit starken Luther-Worten Gläubige und Spitzel und übernahm nach der Wende als Landrat auch die weltliche Macht in seinem Sprengel. Der Bannstrahl der Herrschenden traf nicht nur Dissidenten und mißliebige Kirchenleute. Wenn dem Regime ein Bürger unangenehm auffiel, verschwand er oft schon wegen harmloser politischer Kritik hinter Anstaltsmauern.

Paul Kaden

Dem inzwischen verstorbenen Berliner SED-Funktionär Paul Kaden stank die Politik seiner Partei seit langem. Zu den Kommunalwahlen im Mai 1989 machte der Genosse, damals 77, seine Kritik öffentlich: Er verteilte Protestschreiben gegen den SED-Kandidaten seines Bezirks. Die Parteigenossen reagierten prompt: Sie ließen Kaden in die Ost-Berliner Zentralklinik für Psychiatrie und Neurologie "Wilhelm Griesinger" einweisen. Zwei Wochen lang wurde Kaden dort festgehalten. Erst nach dem Wahltag konnte er die Klinik verlassen.

Detlev Jochum

Richtig verrückt hat die Stasi den Berliner Detlev Jochum, 52, gemacht. 13 Jahre lang wurde der Mann in den Psychiatrien der DDR verwahrt, zuletzt im berüchtigten Haus 213 der forensisch-psychiatrischen Abteilung des Ost-Berliner Klinikums Buch. Schon früh, im Alter von 24 Jahren, war Jochum mit seinem Staat in Konflikt geraten. Wegen versuchter Republikflucht saß er für knapp drei Jahre in Bützow/Dreibergen ein. "Im Knast habe ich dann irgendwann mal fallengelassen", erzählt Jochum, "daß ich das soziale und wirtschaftliche System der Bundesrepublik besser als unseres finde." Zwei Mithäftlinge, darunter ein FDJ-Sekretär, der wegen sexuellen Mißbrauchs von Kindern einsaß, verpfiffen ihn. Wegen "staatsgefährdender Propaganda und Hetze" bekam Jochum vom Bezirksgericht Schwerin 1965 weitere 16 Monate Haft. Als der Verurteilte Berufung einlegte, wurde er - "Arme mit Handschellen auf den Rücken gefesselt" (Jochum) - von Schwerin zur psychiatrischen Untersuchung in die 500 Kilometer entfernte sächsische Klinik Waldheim transportiert. Das berüchtigte Krankenhaus, das dieses Frühjahr geschlossen werden soll, ist in den vergangenen zwei Jahren mehrfach wegen Patientenmißhandlungen und verbotener Eingriffe wie Zwangssterilisationen in die Schlagzeilen geraten.

In Waldheim befand der Psychiater Manfred Ochernal nach einem halbstündigen Gespräch mit Jochum, der Patient sei ein Lügner. "Das ging unheimlich fix", erinnert sich Jochum, "zum Schluß sagte mir Ochernal, daß er sich doch nicht gegen Belastungszeugen wie den FDJ-Sekretär stellt. Denn der würde im zivilen Bereich in wichtigen gesellschaftlichen Funktionen wirken." Fünf Monate wurde Jochum in der geschlossenen Psychiatrie Waldheim festgehalten und - gegen seinen Willen - mit Psychopharmaka behandelt. Nach seiner Entlassung hatte der DDR-Bürger Jochum im real existierenden Sozialismus keine Chance mehr. Seinen Job als Wirt des Klubrestaurants im Kreiskulturhaus Erich Weinert in Berlin-Pankow verlor er rasch wieder, als seine Vergangenheit ruchbar wurde. Beim Streit um die Kündigung soll Jochum das Wort "Kommunistenschweine" benutzt haben. Das reichte, ihn abermals in die Psychiatrie zu bringen.

Diesmal fuhr ihn die Stasi direkt ins Haus 213 nach Buch. "Wenn Sie noch einmal strafrechtlich in Erscheinung treten", drohte nach Jochums Erinnerung eine Ärztin, "dann müssen wir Sie mit medizinischen Mitteln umerziehen." Keine leere Drohung: Als Jochum, kaum entlassen, eine Freundin, die für das MfS arbeitete, zum Ausstieg aus dem Schnüffeldienst überredete, sperrte ihn die Stasi in Buch gleich für mehrere Jahre weg. Erst 1984 kam er "völlig gebrochen und dann wirklich krank" (Jochum) aus Buch frei. Vor seiner Entlassung hatte er eine Erklärung zu unterschreiben, daß er fortan der "Staats- und Militärmacht DDR loyal dienen" werde. Ärzte, die dem Regime wider alle Standesregeln willfährig waren, fand die Stasi stets genug.

(Quelle: Spiegel.online 1992)


Sonntag, 4. Oktober 2009

Stasi-Opfer berichten Teil 7- Gisela Mauritz -

Zwangsadoptionen in der DDR

1970 kam ihr Sohn Alexander zur Welt; Gisela Mauritz entschied sich, den Vater nicht zu heiraten und das Kind allein großzuziehen.

Freunden aus der Greifswalder Zeit gelang 1973 mit einem Fluchthilfeunternehmen der Weg in die Bundesrepublik. Nachdem sie ihren geflohenen Freunden in einem Brief »konspirativ«, wie sie sagt, ihre Entschlossenheit zur Flucht mitgeteilt hatte, unterrichteten diese eine Fluchthilfe­organisation. Ein nach Ost-Berlin entsandter Kurier teilte ihr Codes und nähere Angaben zu der geplanten Flucht mit.

Sie sollte mit ihrem kleinen Sohn an der Transitstrecke von Berlin nach Marienborn aufgenommen und in den Westen geschmuggelt werden. Zwei Versuche schlugen fehl, weil die »Ausschleusungsfahrzeuge« aus dem Westen nicht erschienen. Beide Male fuhr sie zurück in ihre Wohnung nach Ost-Berlin. Sie ahnte nicht, daß sie bereits in das Blickfeld der Stasi geraten war. Das Ministerium für Staatssicherheit hatte fast alle Fluchthilfe­unternehmen mit Agenten durchsetzt.

Bei dem dritten Fluchtversuch wurden Gisela Mauritz und ihr Sohn auf der Transitstrecke Marienborn von einem Lkw aufgenommen; das Kind hatte sie mit Valium beruhigt. Am Grenzübergang Marienborn erfolgte eine Ladungskontrolle, bei der ihr mit einer elektromagnetischen Klappe gesichertes Versteck von der Stasi zwar gefunden, aber zunächst nicht geöffnet werden konnte. Nach massiven Drohungen verließ sie ihr Versteck; sie wurde mit ihrem Kind in Stasi-Baracken abgeführt, das Fahrzeug durchsucht. Vom Schicksal des Fahrers erfuhr sie nichts - auch nicht, ob er die Flucht verraten hatte.

Am folgenden Tag, dem 14. Juni 1974, wurde ihr noch vor der Abfahrt nach Berlin der vierjährige Sohn weggenommen. Sie sollte ihn fast 15 Jahre nicht wiedersehen. Gisela Mauritz kam in die Untersuchungshaft nach Hohenschönhausen. Dort hörte sie erstmals von der Möglichkeit, daß politische Häftlinge der DDR von der Bundesregierung freigekauft werden konnten.

Obwohl sie das alleinige Erziehungsrecht für Alexander hatte, verweigerte man ihr jede Auskunft über den Verbleib des Kindes. Der Junge sei, so die Stasi in den Verhören, »gut aufgehoben«, und auf bohrende Nachfragen von Gisela Mauritz reagierte die Stasi mit erbarmungslos harten, über viele Stunden geführten Verhören, bis sie schließlich zusammenbrach.

Im August 1974 wurde Gisela Mauritz nach Magdeburg verlegt, ihr Prozeß für September angesetzt. Sie mußte befürchten, daß sie zu einer zweijährigen Haft verurteilt werden würde. Als mögliche Verteidiger legte man ihr drei Namen vor; sie entschied sich für den ihr persönlich nicht bekannten Rechtsanwalt Vogel, der ihre Vertretung jedoch nicht persönlich übernahm. Etwa eine Woche vor Prozeßbeginn erschien an Vogels Stelle sein Mitarbeiter G. und führte mit ihr ein halbstündiges Gespräch. Fragen zur Sache stellte er nicht, vielmehr zeigte er sich wohl wegen der Abhörung durch die Stasi »ängstlich und eingeschüchtert«.

Knapp zwei Wochen vor dem 25. Jahrestag der DDR-Gründung, am 24. September 1974, fand der Prozeß gegen Gisela Mauritz statt. Die Angeklagte nutzte die Gerichtsverhandlung zu einer »befreienden Rede«, in der sie die DDR direkt angriff. Sie habe, so ihr Anwalt, die Sache dadurch nur noch schwieriger gemacht. Dagegen hielt er nach Ansicht von Gisela Mauritz »ein ganz unzulängliches Plädoyer«, das keine wirkliche Verteidigung dargestellt habe; nicht einmal das Kind sei erwähnt worden. Das Urteil lautete auf viereinhalb Jahre Zuchthaus. Gisela Mauritz schoß in diesem Augenblick nur der Gedanke durch den Kopf: Was wird aus meinem Kind?

Eine Woche später wurde sie ins Zuchthaus Hoheneck transportiert. Sie traf Mitgefangene, die wegen versuchter Republikflucht zu noch längeren Haftstrafen verurteilt worden waren. Sie wurde einerseits durch weitere Informationen über Freikäufe ermutigt, andererseits hörte sie erstmals davon, daß Müttern aus politischen Gründen die Kinder weggenommen und an andere Familien zur Adoption gegeben worden waren.

Ende 1974 erhielt sie die Vorladung zu einem Termin in Berlin - das Referat Jugendhilfe beim »Rat« ihres zuständigen Stadtbezirks wollte ihr das Erziehungsrecht für den Sohn Alexander wegnehmen. Auch dieses Mal wandte sie sich in ihrer Angst vergeblich an Rechtsanwalt Vogel. Noch in Hoheneck fertigte sie Ausarbeitungen zu ihrer Verteidigung, aber die Anstaltsleitung nahm ihr die Unterlagen weg.

Nach Berlin verlegt, wurde sie dort gemeinsam mit Kriminellen inhaftiert. Bei dem Prozeß um das Sorgerecht, der im März 1975 stattfand, war kein Vertreter des Anwaltsbüros Vogel anwesend. Eine Möglichkeit zur eigenen Verteidigung und zur Verteidigung ihres Kindes erhielt sie nicht. Das Referat Jugendhilfe warf ihr im besonderen vor, daß die bei dem Fluchtversuch zur Beruhigung Alexanders verwendete Spritze aus der Bundesrepublik gekommen sei, und die Richterin verstieg sich zu der Unterstellung, daß die Injektion auch Zyankali hätte enthalten können.

Von Gisela Mauritz benannte Zeugen, die das gute Mutter-Kind-Verhältnis bestätigen wollten, durften nicht aussagen. Bei dem zweiten Gerichtstermin, der vier Wochen später stattfand, wurde sie von Rechtsanwalt Starkulla, einem Mitarbeiter Vogels, verteidigt. Obwohl sie ihn vorher nicht gesehen hatte, habe er, so Gisela Mauritz, seine Sache »gut« gemacht. Da sie seit dem Fluchtversuch mithin seit zehn Monaten ohne Nachricht von ihrem Kind war, forderte der Anwalt Auskunft über Alexanders Verbleib. Der Vorstoß blieb ergebnislos: Gisela Mauritz wurde das Erziehungsrecht für ihren fünfjährigen Sohn entzogen. Ihr Anwalt riet ihr von einer Berufung ab offenkundig wolle man an ihr ein Exempel statuieren.

Gisela Mauritz, inzwischen nach Hoheneck zurückgebracht, wollte auf die letzte Chance der Berufung aber nicht verzichten und hoffte, daß ihr Sohn an die Großeltern gegeben würde. Im Berufungstermin, der bereits im August 1975 stattfand, ließ das Referat Jugendhilfe anklingen, daß Alexander sich bei einer »betreuenden Familie« befinde. Noch vor der Urteilsverkündung wurde Gisela Mauritz nach Hoheneck zurückgebracht.

Eine Freundin half ihr mit einem kleinen, aber für die verzweifelte Frau wichtigen Dienst. Aus der Ferne konnte die Freundin den kleinen Alexander sehen, als seine Kinderheimgruppe zu einem Ausflug auf den Ost-Berliner Alexanderplatz kam. Die Furcht vor der Stasi veranlaßte die Freundin, den Rückweg der Kinder nicht zu verfolgen. So blieb der Aufenthalt des Jungen unbekannt. Die Freundin konnte ihn lediglich aus der Distanz fotografieren; das Foto brachte sie der Mutter bei einem Besuch in der Haft mit. Gisela Mauritz fand, daß ihr Alexander jetzt wie ein »sozialistischer Soldat« aussehe. Für viele Jahre sollte ausgerechnet dieses Foto das letzte Lebenszeichen sein, das Gisela Mauritz von ihrem Kind hatte.

Kurz vor Weihnachten 1976 Gisela Mauritz kann auch im Rückblick von 20 Jahren nicht an einen jahreszeitlichen Zufall glauben, sondern nimmt puren Zynismus an wurde ihr in der Haftanstalt Hoheneck die Zwangsadoption ihres Kindes eröffnet. Die von ihr nie für möglich gehaltene Nachricht löste einen Schock aus. Sie brach mit Weinkrämpfen zusammen und »drehte«, wie sie es selbst beschreibt, in ihrer mit 24 Frauen belegte Zelle »völlig durch«, bis sie vom Wachpersonal medikamentös ruhiggestellt wurde. Als sie nach Wiederaufnahme der Arbeit Elektromotoren vom Tisch warf, galt dies als »Sabotage«.

Die Beruhigungsversuche endeten auf der Krankenstation. Gisela Mauritz erlebt die folgenden Tage im Trancezustand. Als sie zu sich kam, fand sie sich dort ausschließlich von Häftlingen umgeben, die wegen krimineller Straftaten verurteilt waren. Als der Chefarzt ihren schlechten Zustand und ihre seelischen Nöte bemerkte, meinte er nur: »Sie müssen das Problem so sehen: Wenn ein Ziegel vom Dach fällt, dann ist er weg. So einfach ist das auch mit Ihrem Sohn.« Für Gisela Mauritz lautete die Folgerung dieser ärztlichen Bemerkung: Ob Ziegel oder Sohn, sie sind einfach weg, du mußt es hinnehmen.

Gisela Mauritz versuchte eine Neuorientierung; sie besann sich, verzichtete auf weitere, sinnlose Protestaktionen und faßte den Entschluß, den Kampf um ihr Kind wieder aufzunehmen - zunächst ohne irgendein Ergebnis. Der Präsident des Roten Kreuzes der DDR, an den sie sich wandte, schrieb ihr, er könne in dieser Sache nicht tätig werden, und auch von Rechtsanwalt Vogel erhielt sie eine nichtssagende Antwort.

Als sie Anfang 1977 Besuch von einer Cousine aus West-Berlin erhielt, hörte sie, daß Alexander angeblich nicht adoptiert worden sei. Gisela Mauritz verlangte daraufhin den Haftstätten-Anwalt, und seine Reaktion ließ sie hoffen - nein, ihr Kind sei nicht adoptiert. Sie war völlig verwirrt. Die Nachricht erwies sich später als falsch.

Immer noch, drei Jahre nach der Verhaftung, hoffte sie auf die Abschiebung in den Westen. Die Hoffnung schien sich tatsächlich zu erfüllen, als sie im Juni 1977 nach Karl-Marx-Stadt (heute wieder Chemnitz) in die Abschiebehaft verlegt wurde. Noch von Hoheneck hatte sie ein Gespräch mit ihrem Anwalt erbeten, aber sie erhielt diesen Beistand auch nicht, als man ihr in Karl-Marx-Stadt einen Fragebogen präsentierte, der u. a. die Frage nach Kindern enthielt. Sie gab wahrheitsgemäß ihren zu diesem Zeitpunkt siebenjährigen Sohn Alexander an. Der Vernehmer reagierte ebenso verständnislos wie abweisend - von diesem Kind wisse man nichts. Sie wurde in die Zelle zurückgeführt und schließlich wieder nach Hoheneck gebracht - ihr Ausreiseantrag war abgelehnt worden. Sie brach erneut zusammen und kam auf die Krankenstation. Ihr körperlicher Gesundheits­zustand war bedenklich, und sie schien psychisch gebrochen.

Gisela Mauritz aber gab nicht auf. Immer wieder zwang sie sich auf die Beine, sie wollte ihr Kind, und sie wollte ihren Peinigern den Triumph eines weiteren Zusammenbruchs nicht gönnen.

Am 13. Dezember 1978 wurde Gisela Mauritz in die DDR entlassen - für sie ein neuer fürchterlicher Schlag. Bis zuletzt hatte sie gehofft, Rechtsanwalt Vogel würde sie »im Auto abholen und ohne Aufsehen in den Westen fahren«. Mit ihrer Haftentlassung war ein Aufenthaltsverbot für die »Hauptstadt der DDR« verbunden. In Döbeln, auf halber Strecke zwischen Leipzig und Dresden, wurde ihr bei der Firma ELMO eine Arbeit als Gewindeschneiderin zugewiesen. Da gegen die diplomierte Chemikerin kein Berufsverbot ergangen war, wandte sich Gisela Mauritz erneut an Rechtsanwalt Vogel und erhielt vorübergehend eine Stelle in einem chemischen Betrieb - ausgerechnet im Bereich »Politökonomie«.

Nach einem halben Jahr wechselte sie aus eigenem Antrieb als Requisiteuse und Souffleuse an das dortige Theater. Die an Erich und Margot Honecker sowie das ZK der SED gerichteten Bittbriefe, ihr den Sohn Alexander zurückzugeben, blieben unbeantwortet. Der Versuch, Rechtsanwalt Vogel einzuschalten, wurde durch das ihr auferlegte Berlin-Verbot behindert. Einen Vertreter schickte das Büro nicht, sondern forderte einen »Kurier«. Ein Bekannter von Gisela Mauritz aus Ost-Berlin suchte Rechtsanwalt Vogel auf, aber sein Besuch in der Anwaltskanzlei blieb ergebnislos. Als der Bekannte das Desinteresse und die Passivität von Rechtsanwalt Vogel erkannte und kritisierte, wurde er aus der Kanzlei verwiesen.

Schließlich fuhr Gisela Mauritz auf Vorladung von Rechtsanwalt Vogel Ende 1979 selbst nach Ost-Berlin. wohlwissend, daß sie sich wegen der gegen sie verhängten Auflage nach den DDR-Gesetzen erneut strafbar machte. Von Vogel persönlich zum Gespräch empfangen, sah sie sich, so im Rückblick, von seinem so ganz DDR-untypischen Gebaren »eingeschüchtert«; sie habe ihn »eiskalt« erlebt.

Für ihn sei sie offenkundig eine »kleine Bittstellerin« gewesen - von ihm, so ihr Eindruck, habe sie »nichts zu erwarten gehabt«. Vogel forderte sie auf, im nachhinein ihr Einverständnis zu der Adoption zu geben - für diesen Fall stellte er das ersehnte Wort »Ausreise« in den Raum, nicht ohne den Hinweis, daß sie auf alle Aktivitäten im Westen verzichten und eine entsprechende Zusage geben müsse. Gisela Mauritz merkte, daß die DDR »in meiner Sache absolut nichts mehr« zuließ.

Sie gab Vogel die geforderten Erklärungen und Zusagen und kehrte nach Döbeln zurück.

Auf eine positive Reaktion wartete sie vergeblich im Gegenteil: Im Dezember 1980 wurde sie erneut verhaftet.

Während ihrer ersten Haft hatte sie die in den Westen entlassenen Mitgefangenen gebeten, von ihrem Fall zu erzählen. Daraufhin nahm kurz nach ihrer Haftentlassung der Missionsbruder Theo Koening aus Hiltrup bei Münster/W. Kontakt mit ihr auf so wie »Bruder Theo« für viele »Politische« in der DDR und ehemalige Gefangene, die in den Westen gehen durften, seelischer Beistand und selbstloser Betreuer war. Er hatte der in Döbeln »von allen getrennten« Gisela Mauritz in zwei Jahren etwa 30 Briefe und Pakete geschickt; für die faktisch Isolierte war die menschliche Zuwendung von Bruder Theo, den sie ja gar nicht kannte, »ganz wunderbar«. Da Bruder Theo mit >Hilferufe von drüben, Zeitungen, Rundfunksender, ganze Schulklassen nahmen sich ihrer Sache an. Bei einem persönlichen Besuch im Bonner Bundesministerium für innerdeutsche Beziehungen versuchte sie, ihre Sache weiter voranzubringen, aber für den Rat des zuständigen Mitarbeiters, Ruhe zu bewahren, hatte sie kein Verständnis. Sie sei 14 Jahre ruhig gewesen, erwiderte Gisela Mauritz, jetzt werde sie handeln.

Der Durchbruch kam mit einer Sendung von »Report München« im Januar 1989. »Report« berichtete über ihren Fall - »Mutter West sucht Sohn Ost« - und zeigte alte Fotos. Der Hinweis auf eine Verbrennungsnarbe, die sich Alexander als Kleinkind zugezogen hatte, war entscheidend. Eine Zuschauerin aus Ost-Berlin, die als Rentnerin in den West-Teil der Stadt reisen durfte, meldete sich und gab den Hinweis. Zwei Tage nach der Sendung erhielt Gisela Mauritz einen Anruf aus dem Innerdeutschen Ministerium, das ihr den Namen und die Adresse der Adoptiveltern mitteilen konnte. Gisela Mauritz telefonierte und schrieb sofort dorthin, erhielt aber am Telefon die schroffe Antwort, die Sache solle sie mit dem Anwalt der Adoptiveltern klären. Das Innerdeutsche Ministerium sagte zu, ein Treffen zu arrangieren. Sie begab sich in die Kanzlei des West-Berliner Anwalts Naumann. Dort wurde sie von Frau Vogel mit dem Wagen abgeholt; Naumann begleitete sie. In Vogels Kanzlei kam es nach mehr als 14 Jahren zur ersten Begegnung zwischen Mutter und Sohn. Gisela Mauritz, gezeichnet von den Erfahrungen dieser Jahre, konnte kaum sprechen, Alexander, der keine Erinnerung an seine leibliche Mutter mehr hatte, zeigte sich hilflos. Rechtsanwalt Vogel, den sie auf die im Mai 1988 abgepreßte Verzichtserklärung ansprach, bestritt seine Rolle entschieden. Nach einer Stunde kehrten Mutter und Sohn in ihre getrennten Welten zurück. Gisela Mauritz konnte ihm in den nächsten Wochen über das Anwaltsbüro Vogel schreiben und Pakete schicken, der Sohn auf demselben Weg antworten.

Im April 1989 erhielt sie die Mitteilung, Alexander habe sich für die Ausreise in den Westen entschieden. Aus dem Innerdeutschen Ministerium folgte die Aufforderung, sie möge sich am Abend des 11. April 1989 in ihrer Wohnung aufhalten. Alexander erschien in Begleitung seines Adoptivvaters, der Gisela Mauritz noch einen Rechtfertigungsbrief übergab.

Nach endlosen schlimmen Erfahrungen konnte Gisela Mauritz ihren Sohn in die Arme schließen. Die Freude wich aber bald bitterer Enttäuschung. Es zeigte sich, daß die von dem SED-Regime erzwungene fast 15jährige Trennung die Basis für eine normale Beziehung zwischen Mutter und Sohn zerstört hatte.

Quelle: http://www.utopie1.de/enbergs/aretz_opfer1.htm


Dienstag, 29. September 2009

Stasiopfer berichten - Der verratene "Sportverräter" - Jörg Berger


Der junge Jörg Berger will sich nicht gängeln lassen. Privat führt er Mitte der 70er Jahre ein unstetes Leben mit wechselnden Frauenbekanntschaften. In Freundschaft hat er sich von seiner Frau getrennt. Für die Stasi wird er damit jedoch zum Unsicherheitsfaktor. Schließlich bekleidet er als Trainer der DDR-Juniorennationalmannschaft einen verantwortungsvollen Posten, der üblicherweise mit Westreisen verbunden ist. Berger aber darf auf Weisung der Partei nicht mehr reisen. Die Anwerbung als Inoffizieller Mitarbeiter, die ihm vom Ministerium für Staatssicherheit als vermeintlicher Ausweg angeboten wird, lehnt er ab. "Man hat mich danach unter Druck gesetzt, dass ich wieder heiraten sollte", erinnert sich Berger. "Ich war in einer Situation, wo ich gesagt habe: ’So kannst du nicht die nächsten dreißig Jahre weiterleben!’ Ich wollte mein Leben selbst in die Hand nehmen." Völlig überraschend erhält Berger 1979 die Erlaubnis, die Juniorennationalmannschaft nach Jugoslawien zu begleiten. Sofort steht für ihn fest: Von dieser Reise wird er nicht in die DDR zurückkehren. Am schwersten fällt der Abschied von Ron, seinem achtjährigen Sohn. Wird er ihn jemals wiedersehen? Ein letztes Mal besucht Jörg Berger seine Eltern in der Leipziger Nordstadt, nur der Mutter erzählt er von seinem Vorhaben, heimlich auf dem Dachboden. Beide weinen. Weil die Mutter als Rentnerin schon öfters im Westen war, gibt sie dem Sohn einen Ratschlag mit auf den Weg: "Glaube nicht, dass die da drüben auf dich warten." Als der Zug aus Belgrad die österreichische Grenze überquert, lehnt sich Berger aus dem Fenster und schreit seine Freude heraus. Seine Flucht ist geglückt. Doch schon kurz nach der Ankunft in der Bundesrepublik folgt die Ernüchterung. Der Deutsche Fußballbund (DFB) gibt sich im Fall Berger reserviert. Auf keinen Fall möchte der größte Sportverband der Bundesrepublik in den Verdacht geraten, als Fluchthilfeorganisation zu agieren und damit die ohnehin angespannten deutsch-deutschen Sportbeziehungen weiter zu belasten. Der erfolgreiche frühere DDR-Auswahltrainer soll außerdem erst mal seinen Trainerschein machen, fordert der DFB herablassend. Trotz allem macht er bald Karriere in der Bundesliga, immer häufiger taucht sein Name in der Presse auf.

Für die Staatssicherheit ist Bergers Erfolg eine Provokation. Nach ihrem Verständnis ist er ein "Sportverräter", ein Verbrecher, der seine sozialistische Heimat im Stich gelassen hat. Berger fühlt sich beobachtet, er spürt, dass ihn die Stasi auch im Westen verfolgt. Kurz nach seiner Flucht wird er auf offener Straße angesprochen. Die beiden Fremden sind hauptamtliche Mitarbeiter des MfS. Sie fordern Berger auf, nach Schweden zu reisen, dort würde seine Mutter auf ihn warten. Doch Berger wittert die Falle: "Ich konnte mir nicht vorstellen, dass meine Mutter das wollte. Heute weiß ich, wenn ich in Schweden gewesen wäre, hätte man versucht, mich in die DDR zurückzuführen." Gewissheit über das Maß der Überwachung erhält Berger erst nach dem Mauerfall beim Einblick in seine Stasiakte. Mindestens einundzwanzig Inoffizielle Mitarbeiter hatte die Mielke-Behörde auf ihn angesetzt, davon mehr als die Hälfte im Westen. Zwei seiner engsten Freunde haben ihn über Jahre ausspioniert, darunter Bernd Stange, der als treuer Informationslieferant des MfS in den 80er Jahren bis zum Nationaltrainer der DDR aufsteigt. Nach der Wende ist niemand der alten SED-Führungskader auf Berger zugekommen. Auch Wolfgang Riedel, der 1979 die Delegation in Jugoslawien leitete, hat sich nie bei ihm entschuldigt. Wie die Stasiakte des Buchautors belegt, hatte sich Riedel unmittelbar nach der Flucht an Bergers Fersen geheftet, mit dem Ziel, ihn noch vor der Grenze abzufangen. Nach dem Mauerfall macht Riedel Karriere beim DFB. Als Schatzmeister trägt er bis 2004 die Verantwortung für die Finanzen des Nordostdeutschen Fußballverbands. Für seine besonderen Verdienste wird ihm die DFB-Ehrennadel in Gold verliehen. Auch einen altbekannten DDR-Dopingarzt hat Berger nach dem Mauerfall wiedergetroffen: Dr. Hans Jörg Eißmann, Anfang der 90er Jahre tätig als Dopingkontrolleur im Auftrag des DFB. Berger wirft ihn hochkant aus der Kabine. Bis heute hat es der DFB versäumt, seine DDR-Vergangenheit aufzuarbeiten. Ein Defizit, das Bergers verdienstvolle Autobiografie schonungslos benennt.

(Quelle:Zeit.online.de)


Sonntag, 20. September 2009

Der letzte Gefangene der Stasi




Uwe Hädrich gehörte zu den höchsten Wirtschaftsfunktionären der DDR. Bis zum September 1989. Da wurde er zum politischen Gefangenen und saß auch dann noch in Stasi-Haft, als die Mauer längst gefallen war und es das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) gar nicht mehr gab. Das ist bald 20 Jahre her. Mehr als 7500 Seiten stark ist Hädrichs Stasi-Akte in der Gauck-Behörde. Es ist eine Geschichte, die ahnen lässt, wie perfekt das System der Stasi mit Bespitzelung, Isolation und dem Bruch aller Menschenrechte dafür sorgte, dass denjenigen, die die DDR zu ihren Gegnern erklärt hatte, wirklich keine Chance blieb. Uwe Hädrich erscheint alles so, als sei es gestern geschehen. Es zittert seine Stimme, es zittern seine Hände, als er in einem Hotel in Berlin-Prenzlauer Berg von seinem Fluchtversuch aus der DDR und dem anschließenden Martyrium im streng geheimen MfS-Gefängnis in Hohenschönhausen berichtet.

Vielleicht war es eine Art Widerstands-Gen, das in der Familie Hädrich weitergegeben wurde und dazu führte, dass er trotz aller seiner Privilegien das Leben in der DDR irgendwann nicht mehr ertragen konnte. Uwe Hädrichs Schwiegervater Robert Havlik, ein Metzger aus dem Sudetenland, hatte im Konzentrationslager Dachau in den vierziger Jahren den Sozialdemokraten Kurt Schumacher kennengelernt. Zehn Jahre später, er war inzwischen Volkspolizist der DDR, sagte Havlik an einem Stammtisch und in bitterer Bier-Laune: „Kurt Schumacher ist der einzige wirkliche Arbeiterführer, Pieck und Grotewohl sind es nicht.“ Die Stasi hörte mit, und Uwe Hädrichs Schwiegervater wurde wegen dieses einen Satzes zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt. Das war 1955. 26 Jahre später ist Uwe Hädrich ganz oben im System der DDR angekommen, als stellvertretender Generaldirektor des volkseigenen Einzelhandels HO. Derselbe Staat, der seinen Schwiegervater so unmenschlich verfolgt hatte, verschaffte ihm eine Bilderbuchkarriere, inklusive Abitur, Studium und Aufstieg. Er, der Sohn einer verwitweten Verkäuferin, war nun Chef eines Unternehmens mit 213000 Mitarbeitern. Er hatte alles, was dieser Staat seinen Musterbürgern bot: eine moderne Wohnung in Berlin-Marzahn, ein Auto und die Reiseerlaubnis in das sozialistische Ausland. Er hatte auch eine glückliche Ehe und zwei „schöne Kinder“, wie er sagt. Andere hätten es dabei belassen.

Betrug am ganzen Volk

Nicht so Uwe Hädrich. Er war mit der Tochter des Mannes verheiratet, der in der DDR für einen Satz über Schumacher drei Jahre ins Zuchthaus gewandert war. Irgendwo ganz tief in seinem Herzen hegte er ein tiefes Misstrauen gegen diesen Staat. Als Hädrichs im Jahr 1975 den Text der KSZE-Schlussakte im Neuen Deutschland lasen, fiel ihnen auf, dass dort alle Staaten, die der KSZE, dem neuen europäischen Menschenrechtspakt, beigetreten waren, ihren Bürgern Reisefreiheit und die freie Wahl des Wohnortes zusicherten. Auch die DDR war der KSZE beigetreten

Der Gedanke an die Reisefreiheit und die freie Wahl des Wohnortes ließ das Ehepaar seitdem nicht mehr los. Als die DDR schließlich ihren Bürgern erlaubte, nahe Verwandte in Westdeutschland zu hohen Familienfesten zu besuchen, fuhr Frau Hädrich zur Verwandtschaft nach Bayern. Was sie dort sah, gab schließlich den Ausschlag. Denn nichts war so, wie die DDR-Propaganda ihren Bürgern glauben machen wollte: Niemand war arbeitslos, alle hatten Geld, und viele hatten Häuser und eine perfekte Krankenkasse. In den Geschäften gab es alles, vieles zu erschwinglichen Preisen. Man konnte lesen, was man wollte, und sagen, was man dachte. „Da wussten wir“, sagt Uwe Hädrich, „dass wir vom Staat DDR in einer Art und Weise beschissen worden waren, wie man es sich schlimmer nicht vorstellen konnte.“ Er blickt auf, und in seinen Augen steht immer noch das Entsetzen über diesen Betrug an einem ganzen Volk.

Von Leuchtspurmunition gestoppt

Am 1.Mai 1989 ist es so weit. Die Familie hat sich eine „ganz normale Urlaubsreise ans Schwarze Meer“ genehmigen lassen, zuvor per Briefwahl noch ganz korrekt SED gewählt, steigt in ihren Wartburg und fährt in Ungarn direkt auf die Grenze zu. Es ist dunkel, Leuchtspurmunition stoppt die Hädrichs. Grenzer verhören sie, glauben ihnen aber, dass sie sich nur verfahren haben und schickten sie einfach zurück. Die Familie steigt in Budapest ab, und aus einer Telefonzelle ruft Uwe Hädrich die Deutsche Botschaft in der ungarischen Hauptstadt an: „Ich bin ein hoher Wirtschaftsfunktionär der DDR und möchte mit Ihnen reden…“ Die Familie wird empfangen und hätte nun in der Botschaft bleiben können, die Ausreise in den Westen allerdings kann man ihr damals nicht garantieren. Ein Leben auf dem Botschaftsgelände, Zukunft ungewiss? Das wollte die Familie nicht. Also wurde der Wartburg wieder angelassen, und zurück ging es nach Berlin.

Quelle:focus.online


Donnerstag, 3. September 2009

Die Opfer der Stasi - Teil 3 - Die Ballonflucht des Peter Strelzyk













Nicht nur die Lebensumstände wie fehlende Meinungs- und Reisefreiheit, sondern auch die politischen Verhältnisse bedrückten die Familie Strelzyk in der DDR zunehmend: Volkskammerwahlen, die die SED regelmäßig mit über 99 Prozent der Stimmen gewann, ein "Antifaschistischer Schutzwall" und perfekte Grenzanlagen, angeblich zum Schutz der DDR-Bürger vor den kapitalistischen Nachbarn, demonstrative Loyalitätsbekundungen nicht nur am 1. Mai, dem Tag der Arbeit. All das engte Doris und Peter Strelzyk, die seit 1966 verheiratet sind, ein und schnürte ihnen die Luft ab. 1974 beantragten sie eine Reise nach Jugoslawien. Eine Antwort erhielten die Strelzyks nie. Früh erkannten sie, dass Ehrlichkeit nur im engeren Familien-, Verwandten- und Freundeskreis möglich war, doch die offenen Gespräche waren kein Ersatz für Meinungs- und Reisefreiheit.

Das Ehepaar wusste, dass es nur einen Weg gab die DDR zu verlassen - den Luftweg. Peter Strelzyk unterhielt sich erst mit seiner Frau, die die Idee für unrealisierbar hielt, dann mit seinem jüngeren Kollegen Günter Wetzel über Fluchtmöglichkeiten. Ihnen allen war klar, dass die Grenze mit Minen, Selbstschussanlagen und Zäunen gesichert war, gut ausgerüstete Wachposten jeden Zentimeter kontrollierten und auf jeden Verdächtigen schossen. Die Ostsee wurde von Patrouillenbooten überwacht. "Wir bauen einen Heißluftballon!" stand nach kurzem Überlegen fest. Doch wie konstruierte man heimlich einen Ballon, der acht Menschen, darunter auch die Familie Wetzel mit ihren zwei Kindern, sicher über die DDR-Grenze tragen würde? Die Berechnungen waren der einfachste Teil der Arbeit. Die Umsetzung des Projektes dagegen weitaus komplizierter, da in der DDR Mangelwirtschaft herrschte. Die beiden Familien rechneten ein Volumen von 2.800 Kubikmetern aus, für die man 850 Quadratmeter Stoff benötigte, aus dem die Ballonhülle entstehen sollte, der jedoch nicht sehr einfach aufzutreiben war. Im September 1978 war die Ballonausrüstung vollständig. Doch dann ein Rückschlag: Petra und Günter Wetzel stiegen aus, weil sie nun doch zuviel Angst vor den Folgen eines möglichen Scheiterns hatten. Peter Strelzyk merkte, dass sich gegen Angst schlecht argumentieren ließ. Man beseitigte alle Spuren des Ballonbaus in Wetzels Haus und mied den Kontakt zu diesen, damit sie nicht wegen Mitwisserschaft verurteilt wurden, falls die Flucht gelänge - oder man die Strelzyks erwischte. In dieser Nerven aufreibenden Zeit war nichts wichtiger, als nach außen hin den Anschein einer normalen Familie zu wahren. Nachts arbeiteten Peter und sein Sohn Frank an den Anlagen für den Ballon, tagsüber ging jeder wie ein normaler Bürger seinen Beschäftigungen nach. Nachdem der Ballon auf einer Waldwiese getestet worden war und das Ergebnis Strelzyks zufrieden stellte, fehlte nur noch eines: geeigneter Wind. Jeden Tag hörte die Familie den Segelflugbericht auf "Bayern 3" und hoffte auf Wind aus dem Norden. Am 3. Juli 1979 war der Tag gekommen. Die Wolken zogen von Nord nach Süd.
Der missglückte Versuch

Gegen 1 Uhr erreichten sie mit dem Trabant und dessen Anhänger den Startplatz zwischen Wurzbach und Lobenstein, von wo aus die Grenze nur etwa zwölf und das Sperrgebiet sieben Kilometer entfernt war. Durch das mehrmalige Üben des Ballonaufbaus war die Gondel schon nach wenigen Minuten fest im Boden verankert, während sich die Ballonhülle mit Luft füllte. Nach dem Flammenwerfer wurde der Brenner angestellt und die Familie stieg in die Gondel. Die Strelzyks stiegen nach dem Durchtrennen der Verankerungsseile mit drei Meter pro Sekunde in den dunklen Nachthimmel und erreichten nach 25 Minuten eine Höhe von 1.900 Metern. Doch plötzlich wurde es vollständig dunkel, als der Ballon in die Wolkendecke eintauchte. Der Ballonwollstoff sog sich mit Wasser voll, das Gewicht stieg und der Ballon sank. Die Familie, die immer noch auf ein glückliches Ende dieser Aktion hoffte, war entsetzt über das Verlieren an Höhe und landete wenige Minuten später in einem Wald, in dem eine hochgewachsene Fichte die Ballonhülle zerfetzte.

Die Frage, die sich Peter, Doris, Frank und Andreas jetzt stellten, war: Sind wir im Westen? Die Strelzyks suchten solange nach Hinweisen bis Frank ein bedrucktes Stück Papier auf dem Boden fand, worauf zu lesen war "VEB Nahrungs- und Genussmittel Wernigerode". Der letzte Funken an Hoffnung schwand in dem Moment des Entdeckens. Sie waren im Sperrgebiet kurz vor dem ersten Sicherheitszaun gelandet. Ein langer Fußmarsch zurück zum Startplatz begann, auf dem sich alle Sorgen um die Folgen dieses gescheiterten Versuches in den Westen zu kommen machten. Alles wurde wieder in das Auto gepackt, nichts durfte zurückbleiben. Erschöpft und enttäuscht, aber bisher unentdeckt erreichte Familie Strelzyk ihr Haus. Sie wussten, dass der zurückgelassene Ballon bald entdeckt werden würde und sie demnach nicht mehr viel Zeit hatten einen neuen zu bauen. Sie entschlossen sich aber dennoch für eine nochmalige Flucht.
Die geglückte Flucht

Voller Optimismus arbeiteten die Strelzyks an der Entstehung eines neuen Ballons. Schließlich funktionierte der erste, man hatte nur Pech mit dem Wetter. Verzweifelt suchte die Familie nach geeigneten Stoff für das zu bauende Fluggerät. Um nicht aufzufallen notierte sich Doris die Namen der Geschäfte, wo sie zeitlich versetzt immer nur kleine Mengen Stoff kaufte. In die alte Nähmaschine baute Peter einen Motor ein, um den Nähvorgang zu beschleunigen. Ein paar Tage später besuchte Günter Wetzel die Familie und entschloss sich, mit seiner Frau Petra den Strelzyks bei dem Bau des zweiten Ballons zu helfen und nun doch mit ihnen zu fliehen. Nach acht Tagen war bereits die Hälfte der Ballonhülle fertig. Am 14. August 1979 leitete die Volkspolizei auf Grund des im Wald gefundenen Ballons die Fahndung nach den Republikflüchtlingen ein. Die Zeitung lichtete ein Foto von dem Ballon und dessen zurückgebliebenen Inhalt, einer Wasserpumpenzange, einem Taschenmesser und Peters Barometer, ab. Die Leser wurden aufgefordert, sich mit "zweckdienlichen Hinweisen" bei der Kriminalpolizei in Gera zu melden. In den nächsten Tagen arbeiteten die zwei Familien mit Hochdruck an der Fertigstellung des neuen Ballons, da sie befürchteten, dass man ihnen schon längst auf den Fersen sei. Günter saß oft sechzehn Stunden an der Nähmaschine, während ihm Petra die langen Stoffbahnen zuführte. In Strelzyks Nachbarschaft wohnten überwiegend Parteigenossen, deshalb nähte Günter meist nachts an der Ballonhülle. Sechs Kilometer Nähgarn hatten die Wetzels inzwischen in 2,2 Kilometer Nähte verarbeitet, doch noch immer fehlten 210 Quadratmeter Stoff. Außerdem mussten die Fluchtutensilien ausprobiert werden. Nachts fuhr Peter mit Frank auf eine abgelegene Wiese in Liebschwitz, um Brenner, Flammenwerfer und Propangasflaschen zu testen - die Energieversorgung für die Ballonflucht war gesichert. Nun fehlten nur noch 55 Quadratmeter Stoff, die sie in einem Warenhaus in Schwarza kauften. Am darauffolgenden Tag war es schwül und ein heftiges Gewitter ebnete den Familien das geeignete Fluchtwetter, da der Wind aus Norden wehte. Ohne nachzudenken luden die zwei ungeduldigen Familien den 175 Kilogramm schweren Stoffberg, der erst wenige Stunden zuvor fertig genäht worden war, die Gondel, mehrere Gasflaschen, Brenner und Flammenwerfer in den Autoanhänger. Der völlig überladene Wartburg fuhr auf eine Wiese zwischen Unterleummnitz und Heinersdorf, dicht an der Bahnlinie Lobenstein-Triptis, wo die acht Personen gegen 1.30 Uhr ihre Fluchtutensilien unter sternenklarem Himmel ausbreiteten. Günter und Frank verankerten die Gondel, dann wurden Rohre in den Boden geschlagen, die den Ballon zunächst am Boden halten sollen. Ein Motorradmotor, den Peter zu einem Gebläse umfunktioniert hatte, wurde vor der Ballonöffnung aufgebaut, um Luft unter die schlaffe Hülle zu blasen. Flammenwerfer und Brenner wurden montiert, während sich der Ballon allmählich füllte.
Der Ballon Der Ballon

Ganze sieben Propangasflaschen wurden auf den Kopf gestellt, damit das Gas unter langsamem Öffnen des Ventils, flüssig aus den Düsen austrat. Als Peter Strelzyk dieses mit einem Streichholz entzündete, schoss eine zwölf Meter lange Flamme ins Balloninnere, die Peter unter einem lauten Knall die linke Hälfte des Bartes wegsengte. Alle stiegen nun in die Gondel, der Brenner wurde gezündet und schon stieg der Ballon mit drei Metern pro Sekunde majestätisch in die Dunkelheit der Nacht. Plötzlich fing ein Stück Stoff Feuer, doch Günter war sofort mit dem Feuerlöscher zur Stelle. Hätten die Familien nicht daran gedacht, wäre auch diese Flucht missglückt. Nach wenigen Minuten befand sich der Ballon in 1800 Metern Höhe. Als Petra Scheinwerfer von unten meldete, wurde der Brenner aufgedreht, bis eine Höhe von 2500 Metern erreicht war. Das Licht blieb zurück, doch der Ballon begann langsam zu sinken. Die Gasflaschen waren leer und der Brenner ging aus. Die Erde kam rasend schnell auf die Insassen zu, ein Wald, Felder und einzelne Häuser waren erkennbar. Ein starker Aufprall folgte und die Ballonhülle legte sich langsam zur Seite und erschlaffte. Sofort wollten alle wissen, wo sie gelandet waren. Daraufhin erkundeten Günter und Peter die Gegend, bis ein Auto auf sie zukam. Die beiden entdeckten einen westdeutschen Polizeiwagen und rannten schnell auf die Beamten zu. Sie rissen die Tür auf und Peter fragte: "Sind wir hier im Westen?". Die Polizisten waren völlig verblüfft, gaben aber dennoch die Antwort: "Nein, in Oberfranken!" Überglücklich zündeten Günter und Peter eine Silvesterrakete als Zeichen für Doris, Petra und die Kinder. Diese kamen herbeigelaufen und alle waren fassungslos über die Landung auf der Anhöhe Finkenflug, in der Nähe des Städtchens Naila.
Die Fluchtroute Die Fluchtroute - Zum Vergrößern anklicken
Sippenhaft in der DDR

Doch leider brachte die Flucht auch Negatives mit sich. Erich Strelzyk, Bruder von Peter, erfuhr in den Nachrichten vom ZDF über die geglückte Ballonflucht seines Bruders. Er wurde gleich drei Stunden nach der Landung seines Verwandten im Westen, um sechs Uhr morgens am 16. September, von zwei Mitarbeitern des Staatssicherheitsdienstes in seiner Potsdamer Wohnung festgenommen. Zu den üblichen Maßnahmen des Staatssicherheitsdienstes gehörte es, Verwandte zu inhaftieren, denn die Drohung der Sippenhaft sollte abschreckend wirken. Er musste sämtliche Fragen über sich ergehen lassen, ohne jemals etwas von der geplanten, und nun durchgeführten Flucht seines Bruders gewusst zu haben. Es wurden fünfzig Seiten Protokoll geschrieben und Erich wurde daraufhin wegen "Beihilfe zur Republikflucht" inhaftiert. Auch Peter Strelzyks Schwester Maria und ihr Mann Horst wurden kurz nach der Ballonflucht festgenommen. Wegen angeblicher Mitwisserschaft und Nichtanzeige der Fluchtvorbereitungen wurden sie zu zwei bis zweieinhalb Jahren verurteilt. Ebenso wurde Peters bester Freund und Arbeitskollege Thomas Dietrich in die Haftanstalt Naumburg gebracht. Doris und Peter kämpften nun für die unschuldigen Verwandten in der DDR und erreichten mit Hilfe von Amnesty International sowie Rainer Hildebrandt von der Arbeitergemeinschaft "13. August" eine Entlassung von Erich, Maria und ihrem Mann Horst. Thomas Dietrich, der beste Freund und ehemaliger Arbeitskollege von Peter, blieb jedoch in Naumburg inhaftiert.
Ein neues Leben begann

Das kleine Städtchen Naila hatte am 17. September den vermutlich größten Trubel seit langem, als die acht ehemaligen DDR-Bürger dort landeten. Etliche Zeitungen waren an der Geschichte interessiert, was sich Familie Strelzyk zum Nutzen machte. Mit dem Illustriertenhonorar finanzierten sie sich eine neue Wohnungseinrichtung. Bürgermeister von Naila, Robert Strobel, setzte sich für die Familie ein und organisierte ihr eine Wohnung und Arbeitsangebote. Jeder der Geflüchteten erhielt neue Pässe und Personalausweise.

Strelzyks bezogen eine Wohnung Am Hammerberg 1 und erhielten zahlreiche Anrufe sowie Briefe von ehemaligen Flüchtlingen oder Vertriebenen, sogar Heiratsanträge für Frank. Auch beim Bürgermeister ging stoßweise Fan-Post für Strelzyks ein. Allerdings waren unter den Schreiben auch Drohanrufe. Anonyme Anrufer kündigten an, Andreas zu entführen. Bei ihren Fluchtvorbereitungen hatte die Familie an vieles gedacht, aber nie waren sie auf die Idee gekommen, dass die DDR sie nach der Landung im Westen weiter verfolgen würde. Das Interesse der Außenwelt an der sensationellen Geschichte bestand weiterhin und so erhielten Doris und Peter im Oktober ein Angebot der Filmproduktionsfirma Walt Disney. Die Kalifornier wollten die Fluchtgeschichte verfilmen, sie verhandelten mit dem Unternehmen und einigten sich auf den Titel "Night Crossing". Die Premiere fand im New Yorker Rockefeller Center statt. Die New York Times meinte, die Flucht spräche Bände über die politischen, wirtschaftlichen und humanitären Verhältnisse in der DDR. Ebenso war der Film "Mit dem Wind nach Westen" und das gleichnamige Buch eine interessante Schilderung der Flucht von Strelzyks und Wetzels. Doris und Peter waren bei der Filmvorführung zu Tränen gerührt, da diese die ganze Vergangenheit mit all den dazugehörigen Strapazen aufwühlte.
Folgen in der DDR

Seit der spektakulären Flucht arbeitete die Stasi auf Hochtouren. Bevor noch andere DDR-Bürger auf dieselbe Idee kommen konnten, wurden alle Käufer von Propangasflaschen registriert und Stoffe, die sich für Ballonhüllen eigneten nicht mehr in größeren Mengen verkauft. Die Stasi-Offiziere in Gera veranlassten zwei Tage nach der Flucht Postkontrollen, die umfassend waren. Kein Brief aus der DDR an Strelzyks, keine Post in Gegenrichtung passierte fortan ungeöffnet die Grenze. Unter dem Operativvorgang "Birne" lief die Arbeit der Stasi, bei dem herausgefunden wurde, dass sechzehn Augenzeugen die Ballonfahrt beobachteten und sich auf das Einschreiten der Sicherheitskräfte verließen. Diese entdeckten den Ballon jedoch zu spät.
Der beste Freund ein IM

Thomas Dietrich wurde seit der Ballonflucht seines Freundes observiert. Während seiner Haftzeit in Naumburg wurde er regelmäßig zu Gesprächen mit einem Stasi-Major geholt. Wochen vergingen, in denen Dietrich offenkundig auf seine Mission vorbereitet wurde. Er verfasste am 28. Januar 1981 eine handschriftliche Verpflichtungserklärung, in der er versprach, nach der Haftentlassung mit dem Ministerium für Staatssicherheit zusammenzuarbeiten und dazu beizutragen, dass "die Machenschaften des Feindes Peter Strelzyk" aufgeklärt werden. Er verpflichtete sich ebenso, alle Aufträge in Sachen "Staatsfeind Peter Strelzyk" zu erfüllen und wählte sich zur Wahrung der Anonymität den Decknamen Karl Diener. Anfang 1982 wurde Thomas Dietrich vorzeitig aus der Haft entlassen und nahm sofort seine Spitzeltätigkeit auf, indem er über Doris Mutter Informationen über die im Westen lebenden Strelzyks herausfinden wollte. Im Herbst 1982 ließ die Stasi Dietrich und seine Familie aus der DDR ausreisen, zwar ohne konkreten Auftrag, aber mit der Absicht mehr über den "Hauptverräter Strelzyk" zu erfahren. Der IM Karl Diener wurde zur wertvollsten Informationsquelle der Stasi im Operativvorgang "Birne". Peter und Doris Strelzyk machten sich in Bad Kissingen selbstständig und erklärten Dietrich, der mittlerweile auch dort wohnte, um der Familie Strelzyk möglichst nahe zu sein, zu dem Geschäftsführer ihres Elektrogeschäfts. Dort sammelte er viele Informationen über das Ehepaar und dessen Tätigkeiten. Als er den Auftrag erhielt, Strelzyk möglichst stark in seiner Geschäftstätigkeit zu schädigen, tat er alles in seiner Macht stehende um diese Aufgabe zu der Zufriedenheit der Stasi zu erfüllen. Diese erdachte sich den Nutzen, Peter und Doris auf diese Weise von "feindlichen Aktivitäten" abzubringen, da ihnen die finanziellen Möglichkeiten dafür fehlen würden. Der "Staatsfeind Strelzyk" sollte vollständig verunsichert und demoralisiert werden. Strelzyks mussten ihr Geschäft wegen fehlender Kunden aufgeben und Dietrich übernahm es daraufhin. Karl Diener erhielt mehrere tausend Westmark für seine Taten und Informationen.

Der Fall der Mauer

Als die Wende kam, kehrten Strelzyks in ihr altes Haus nach Pößneck zurück, wo sie heute noch leben. Sie erkannten schnell, dass alles vertraut und doch fremd war. Als die Nachricht eintraf, man könne in der Geraer Niederlassung der Gauck-Behörde Einsicht in seine Akten beantragen, stellte Peter sofort einen dieser Anträge. "Bringen Sie viel Zeit mit!" warnte sie die Mitarbeiterin am Telefon, da die Unterlagen über den Fall sehr umfangreich wären. Sie sollte Recht behalten, denn über die Familie Strelzyk existierte ein 25 Kilogramm schwerer Aktenberg. Darin mussten Doris und Peter die grausame Entdeckung machen, dass ihr vertrauter Freund Thomas Dietrich ein Spitzel der Stasi war.

Dienstag, 1. September 2009

Das Schicksal des Mario Röllig 1987



"Ich dachte, ich komme hier nicht mehr lebend raus."

Niemand wusste, wohin Mario Röllig verschwunden war. Mehr als drei Monate lang spielte die Stasi mit ihrem hilflosen Opfer: Endlose Verhöre, Einschüchterung, Schikane und das vielleicht effektivste Mittel der psychischen Folter, pure Isolation. Diese Tortur musste der junge Ost-Berliner 1987 im geheimen Stasi-Knast Berlin-Hohenschönhausen über sich ergehen lassen. Sein Verbrechen: Er hatte versucht, über Ungarn nach Westdeutschland zu fliehen. Schließlich verkaufte ihn die DDR an die BRD. Doch Jahre später, nach der Wende, holte ihn die Vergangenheit wieder ein.

Wir haben nichts vergessen - Die Opfer der Stasi Teil 2



DIE INHAFTIERUNG DER FAMILIE BEHRENS

Steckbrief (Angaben zum Zeitpunkt der Festnahme - 1984)

Name: Claudia Behrens (Namen geändert)
Wohnort: Gera

Am 9. Juli 2002 fand in Gera ein Gespräch mit Claudia Behrens statt, bei dem sie berichtete, dass sie sich in das System der DDR niemals richtig hineinleben konnte und deshalb einen Antrag auf Ausreise stellte. Eine Flucht wäre für sie jedoch niemals denkbar gewesen. Dennoch wurde Claudia 1984 wegen "Vorbereitung zur Republikflucht" zu zwei Jahren und zehn Monaten Freiheitsstrafe verurteilt. Wie konnte der Staatssicherheit ein solcher Fehler unterlaufen?




Die Anfänge

Schon im Alter von 17 oder 18 Jahren hatte Claudia durch die Zugehörigkeit zu einer "Clique" ihre ersten Kontakte mit der Staatssicherheit, denn was für Jugendliche heute ganz normal ist, war der Stasi damals "ein absoluter Dorn im Auge". 1974 wollte sie mit ihren Freunden nach Berlin zu den Weltfestspielen fahren. Doch die Stasi hatte Angst, dass das Festival vor allem von jungen Menschen als Anlass zu Demonstrationen gegen den Sozialismus genutzt werden könnte. Deshalb bekam Claudia ihren Ausweis entzogen und erhielt dafür einen sogenannten BM 12. Das war ein Schein, auf dem stand, dass sie den Umkreis ihres Wohnorts für den Zeitraum der Weltfestspiele nicht verlassen dürfte und sich jeden Tag um eine bestimmte Zeit bei der Polizei zu melden habe. Durch derart negative Erfahrungen bauten sich bereits im Jugendalter Wut, Frust und Hass gegen das Staatssystem auf.

Die Familie

Claudias Mutter war vom sozialistischen System wenig überzeugt, was sich auch in der Erziehung ihrer Tochter widerspiegelte. Durch Verwandtschaft in der BRD war ständig ein Kontakt zum Nachbarland gegeben und dadurch wusste Claudia auch wie "die andere Welt" aussah. Das uneingeschränkte Warenangebot und die Reisefreiheit stellten für sie schon damals einen ganz besonderen Reiz dar.

Ein Schlüsselerlebnis

Claudia zog 1975 nach Gera und bekam ein Kind, welches jedoch sehr krank war. Die Verbindung zwischen der Leber und der Galle war nicht richtig ausgebildet und in der Universitätsklinik in Jena konnte dieses Leiden nicht behandelt werden. Aber ein Professor erzählte ihr, dass in einer Klinik in Heidelberg, dem damaligen Westen, die nötigen Mittel zur Heilung zur Verfügung ständen und dass er alles versuchen wolle, ihrem Kind die Operation dort zu ermöglichen. Doch Claudia wusste sofort, dass sie die Stasi aus Angst, sie würde mit dem Kind nicht zurückkehren, niemals ausreisen lassen würde. So war es schließlich auch. Ihr Antrag wurde abgelehnt und das Kind verstarb im Alter von einem Jahr. Claudia stürzte in ein "absolut tiefes Loch". Kurze Zeit später lernte sie ihren Mann kennen und für beide war klar, dass sie die DDR endgültig verlassen wollten.

Das Missverständnis

Zur selben Zeit verliebte sich Claudias Freundin im Urlaub in einen Ungarn und wollte sich zu ihm ausschleusen lassen. Die Schleusung kostete 40.000 Westmark, doch sie bekam jeweils 1.000 Mark erlassen, wenn sie Adressen von Leuten angab, die die DDR eventuell auch auf diesem Weg verlassen würden. Aus diesem Grund nannte sie sieben verschiedene Adressen, unter anderem auch Claudias. Wenig später tauchte ein Mittelsmann bei Claudia auf und fragte sie, ob sie flüchten wolle. Doch Claudia erklärte ihm sofort, dass eine Schleusung für sie schon allein aus finanziellen Gründen nicht in Frage käme. Doch der Hauptgrund für die Ablehnung war das enorm hohe Risiko, welches mit einer solchen Flucht verbunden war. Claudia meinte: "Bei vielen hat's geklappt, [doch viele sind auch erwischt worden]." Da Claudia und ihr Mann außerdem einen Ausreiseantrag gestellt hatten, hofften sie auf diesem legalen Weg die DDR verlassen zu können. Kurze Zeit später hatte der Mittelsmann der Schleusergruppe einen Autounfall. Er war so schwer verletzt, dass er ins Krankenhaus eingeliefert wurde. Dort fand man in seinem Socken einen Zettel mit einem Strichcode und für die Ärzte war klar: "Das ist ein Fall für die Stasi!" Selbige setzte ihn so unter Druck, dass er schließlich alle sieben Adressen angab. Das war im Februar 1984. Ab diesem Zeitpunkt bekam Claudia jeden Tag gegen 16 oder 17 Uhr Besuch von einem Stasi-Beamten. Schließlich machte er Claudia und ihrem Mann ein Angebot: Beide könnten sofort offiziell aus- und auch jederzeit wieder einreisen, wenn sie in der BRD für die Stasi arbeiten würden. Obwohl Claudia sofort mit einem klaren "Nein!" antwortete, versuchte die Staatssicherheit über drei Monate immer wieder, Claudia und ihren Mann für sich zu gewinnen. Im Mai 1984 fand dann eine regelrechte Verhaftungswelle im Raum Gera statt. Die Stasi inhaftierte in dieser Zeit fast jeden, der seine Unzufriedenheit mit dem Regime öffentlich bekundete. Man konnte sich als Antragsteller schon durch Kleinigkeiten verdächtig machen. Zum Beispiel durch Kerzen im Fenster. Claudia und ihr Mann trafen sich in ihrer Wohnung oft mit Gleichgesinnten, um gemeinsam Ausreiseanträge zu schreiben. Doch Claudia merkte bald, dass auch die Stasi diese Treffen mitbekommen hatte. Gegenüber ihrer Wohnung befand sich ein leerstehendes Haus, in dem sie abends oft das Licht einer Taschenlampe erkennen konnte. Ihr war klar, dass sie bespitzelt wurde. Immer häufiger bemerkte sie auch beim Einkaufen "einen Schatten" hinter sich. Überraschenderweise sagte Claudia: "Manchmal hat man dermaßen darüber gelacht! Die Idioten machten's auch noch so, dass du's mitbekamst!"

Die Verhaftung

An einem Morgen im Mai wurden Claudia und ihr Mann um 6.30 Uhr aus dem Schlaf gerissen. Vor ihrer Tür standen einige Beamten der Staatssicherheit, welche die beiden aufforderten, ihre Personalausweise zu holen und mit ihnen zu kommen. Da war Claudia sofort klar: "Nun ist es zu spät." Als die beiden nach unten geführt wurden, merkte Claudia, dass acht Leute von der Stasi im Haus verteilt waren. Im Interview sagte sie lachend: "Wegen uns zwei Männekiken!" In getrennten Autos wurden sie dann zum Gefängnis in der Amthorstraße transportiert. Als sich die Tore hinter ihr schlossen, wusste Claudia: "Du kommst hier nicht mehr raus." Am nächsten Tag erfuhr Claudia dann, dass sie wegen "landesverräterischer Agententätigkeit, Kontaktaufnahme zu einer kriminellen Menschenhändlerbande und Vorbereitung zur Republikflucht" angeklagt war.
Nach vier Monaten Untersuchungshaft erhielt sie ihre Anklageschrift. Die Gerichtsverhandlung, die generell unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfand, war nur "eine Farce". Es stand von Anfang an fest, dass Claudia und ihr Mann verurteilt werden würden. Sie bekam zwei Jahre und zehn Monate, ihr Mann drei Jahre Freiheitsstrafe. Der einzige Trost, den ihnen ihr Anwalt geben konnte, war, dass aus Erfahrung meist nur die Hälfte der Zeit verbüßt werden musste. Ihr Mann wurde nach Cottbus, Claudia nach Hoheneck in ein Frauenzuchthaus gebracht.

Im Gefängnis

Die Zustände dort waren katastrophal: 20 Frauen lebten in einem 40 qm großen Zimmer mit Drei-Etagen-Betten. Die einzige Waschgelegenheit war ein riesiges kuhtränkenähnliches Becken mit fünf Wasserhähnen. Für 20 Frauen waren zwei Toiletten vorgesehen. Warmes Wasser, geschweige denn eine Dusche gab es nicht. Jeden Tag wurde den Gefangenen nur eine Stunde "Freihof" gewährt. Die politischen Häftlinge, zu denen auch Claudia gehörte, wurden bewusst nicht von anderen Straftätern getrennt. In Claudias Zelle waren fünf politische Gefangene und fünfzehn Kriminelle untergebracht. Da in der DDR Verbrechen wie Mord verschwiegen wurden, war Claudia dementsprechend geschockt, als sie allmählich erfuhr, weshalb ihre Mitgefangenen eingesperrt waren. Sie schlief tatsächlich mit Frauen in einem Raum, die ihre Kinder misshandelt oder getötet hatten. Am schlimmsten für Claudia war es, zusammen mit einer Kriegsverbrecherin eingesperrt worden zu sein. "Die hatte in Buchenwald den toten Kindern die Haut abgezogen und Lampenschirme daraus gemacht", erklärte Claudia mit Entsetzen in der Stimme. Die Speise- und Getränkerationen wurden mit Hormonen präpariert. Claudia hatte in den fünfzehn Monaten ihrer Inhaftierung nur zwei Mal ihre Periode, war "aufgedunsen und aufgebläht". Die Frauen wurden auf diese Weise "ruhig gestellt" und die, die länger als zehn Jahre einsaßen, haben sich auch mehr und mehr zum Mann entwickelt: Die Brust war kaum noch zu sehen und allmählich begannen viele Frauen auch sich wie Männer zu benehmen und ihre "grobe Sprache" anzunehmen. Offen gestand Claudia: "Es war übelst! Als ich rausgekommen bin, [wollte ich] nie wieder Kontakt [zu Frauen]. Ich wusste nicht, ob ich jemals wieder eine Freundin haben kann. Was da an Sexspielen abgelaufen ist, die du notgedrungen mit ansehen musstest, ob du wolltest oder nicht!" Besonders deprimierend empfand Claudia das gemeinsame Waschen, bei dem sie dem unangemessenen Verhalten einiger lesbischer Mitgefangener schutzlos ausgeliefert war. "Doch das ist noch das Wenigste, was da abgelaufen ist", kommentierte sie dieses Erlebnis. Doch Claudia war stark und kämpfte gegen die Einflüsse innerhalb der Gefängnismauern an. "An mich kommt keiner ran. Mich macht hier [niemand] fertig!" Diese Worte betete sie sich ständig vor. Das letzte, was sie wollte, war sich ihr weiteres Leben kaputtmachen zu lassen, also versuchte sie "alles an [sich] abprallen zu lassen". Schließlich wusste sie, dass nach Absitzen ihrer Strafe die Freiheit auf sie wartete. Um die Gefangenen zu beschäftigen, wurde in Hoheneck in drei Schichten gearbeitet. Claudia war froh über diese Abwechslung, auch wenn sie den ganzen Tag nur an derselben Maschine saß und Knopflöcher stanzen musste. Sie erhielt dafür circa 40 Ostmark im Monat, bekam aber nur die Hälfte davon ausgezahlt. Der Rest wurde auf ein Konto überwiesen, über welches sie erst am Tag ihrer Entlassung verfügen konnte. Claudia durfte jeden zweiten Monat einmal Besuch empfangen. Sie wählte als Bezugsperson ihre Mutter, denn ein Wechsel der Besucher war nicht erlaubt. Doch das Zusammentreffen fand in einer ziemlich angespannten Atmosphäre statt. Durch eine Glasscheibe wurde jeglicher Körperkontakt zwischen Mutter und Tochter verhindert und eine Aufsichtsperson überwachte das Gespräch zusätzlich, denn Themen, die eine schlechte gesundheitliche Verfassung oder die miserablen Zustände im Gefängnis betrafen, durften nicht angesprochen werden. Claudia war es auch gestattet, einmal im Monat einen nicht mehr als eine Seite umfassenden Brief zu formulieren, den sie immer abwechselnd an ihren Mann und an ihre Eltern adressierte. Doch diese Briefe wurden auf die gleiche Weise zensiert wie die Gespräche. Claudia sagte dazu: "Du wusstest gar nicht, worüber du schreiben solltest. Nur: Mir geht's gut. Macht euch keine Sorgen. Ich liebe dich. Du hattest echt Probleme, die Seite vollzukriegen. Ich habe dann aber auch teilweise einen Code entwickelt, über den ich mich verständigen konnte." Erhielt Claudia ein Paket, so war es bereits geöffnet und der gesamte Inhalt durchsucht. "[Es war genauso,] wie man's aus Filmen kennt", so Claudia. Woche für Woche hoffte sie darauf, endlich freigelassen zu werden, denn einige Frauen wurden schon kurze Zeit nach ihrem Haftantritt entlassen, andere mussten ihre gesamte Strafe verbüßen.
Nach fünfzehn Monaten, also ungefähr der Hälfte ihrer Haftzeit, wurde schließlich auch sie abgeholt. Ob auch ihr Mann die Freiheit erlangte, wusste Claudia nicht. Normalerweise wurden Ehepaare zwar gemeinsam ausgebürgert, doch die Angst den Partner zurücklassen zu müssen, bestand dennoch. Bevor man die Häftlinge endgültig entließ, wurden sie noch einmal in der Abschiebehaft in Chemnitz zwischenstationiert. Drei Wochen lang teilte sich Claudia mit zwei Frauen eine Zelle, die gerade so groß war, dass zwei Doppelstockbetten, ein Waschbecken und eine Toilette hineinpassten. Doch Claudia wusste: "Jetzt geht's schnell. Jetzt geht's in ein paar Tagen Richtung Westen." Nach vierzehn Tagen sah sie ihren Mann wieder und beide bekamen die Staatsbürgerschaft der DDR aberkannt. Auf diese Weise wurde der Staat alle Andersdenkenden los und verdiente zusätzlich circa 80.000 Westmark an jedem Häftling, denn das war der Preis, den die BRD für die Befreiung zahlen musste.

Endlich frei!

Mit zwei Bussen wurden die inhaftierten Frauen und Männer in Chemnitz abgeholt und zur Grenze transportiert. Die Stimmung während der Fahrt war sehr angespannt, denn auf dem hinteren Sitz eines jeden Busses saß ein Stasi-Beamter mit einem Gewehr. Zusätzlich wurde der Konvoi von mehren Einsatzwagen begleitet. Doch kaum war die Grenze überwunden, jubelten alle Häftlinge ausgelassen. "Du konntest es gar nicht fassen, [...] vom Knast plötzlich in die Freiheit! Wir haben alle geheult!" erinnerte sich Claudia. Auf einem Parkplatz stiegen dann Leute aus dem Gießener Auffanglager ein und begrüßten die neuen BRD-Bürger. In Gießen selbst konnte dann jeder angeben, wo er hinwollte. Claudia und ihr Mann wählten Hamburg als ihre neue Heimat aus.

Nach der Wiedervereinigung kehrte Familie Behrens nach Gera zurück, denn wie so viele erhoffte auch sie sich die Möglichkeit im Osten eine eigene Firma zu gründen.